Mein Mann stand in der Tür, stützte sich auf seinen Pelzmantel und hielt kaum das Gleichgewicht. Sein Atem war schwer vom Alkohol, seine Augen glasig und gereizt.
„Was habe ich dir gesagt, was du kochen sollst?“, knurrte er. „Es ist Feiertag. Ein normales Abendessen. Und es gibt nichts zu essen.“
„Ich war auf der Arbeit“, erwiderte ich leise. „Wir hatten einen Notfall. Ich habe fast 24 Stunden nicht geschlafen.“
Er kam näher. „Ist mir egal. Jede normale Ehefrau kommt damit klar. Du jammerst nur die ganze Zeit. Du bist widerlich anzusehen.“
Ich versuchte, an ihm vorbeizugehen, wenigstens um mich umzuziehen. Ich griff nach dem Kleiderschrank.
„Gib mir fünf Minuten“, sagte ich. „Ich schnappe mir meine Sachen und gehe.“
Er versperrte mir den Weg.
„Keine Minute.“ Er stieß mich so heftig, dass ich stolperte. „Raus hier! Ich will dich nie wieder sehen. Ich brauche keine Frau wie dich.“
Die Tür knallte zu. Das Schloss klickte. Dann die Kette. Ein Geräusch, das die Vergangenheit endgültig von der Gegenwart trennen würde.
Ich stand da, nur in einem dünnen Bademantel, barfuß, mit zitternden Händen. Der Beton unter meinen Füßen war eiskalt. Ich setzte mich auf die Stufen des Eingangs und umarmte meine Knie. Ich fühlte mich beschämt, gedemütigt, aber vor allem leer. Morgens war ich seine Frau. Abends war ich ein Niemand.
Hinter der Tür ging das Licht an. Er schaltete den Fernseher ein. Ein Neujahrsfilm. Gelächter hallte aus den Lautsprechern, als wäre nichts geschehen.
Die Kälte kroch mir in die Knochen. Ich ging den Boden hinunter und versuchte, mich zu wärmen, indem ich meine Hände aneinander rieb. Meine Beine schmerzten, mein Rücken brannte, und in mir wich der Schock langsam einer stillen, erdrückenden Wut.
Nach ein paar Minuten öffnete sich die Tür erneut. Wortlos fiel eine alte Jacke die Treppe herunter.
„Hier“, ertönte seine Stimme von oben. „Zieh sie wenigstens an. Sie ist widerlich.“
Ich erkannte sie sofort. Die Jacke, die ich ihm einst verboten hatte wegzuwerfen. „Sie könnte noch nützlich sein“, sagte ich damals. Die Ironie traf mich wie ein Stich in die Magengrube.

Ich zog sie über meinen Bademantel. Sie war eng, die Ärmel waren kurz, und der Reißverschluss ließ sich nicht schließen. Aus purer Verzweiflung griff ich in meine Taschen und erwartete nichts als Leere.
Und dann spürte ich es.
Etwas Hartes. Rechteckiges. Kaltes.
Ich zog es heraus und erstarrte.
Ich hielt eine Bankkarte in der Hand. Nicht seine übliche. Es war schwarz, ohne Namen, mit einem winzigen goldenen Symbol. Darunter lag ein gefalteter Zettel. Und noch etwas. Ein Schlüssel. Schwer, aus Metall, mit einem Etikett.
Mein Herz raste.
Ich faltete den Zettel auseinander. Darauf stand ein einziges Wort und eine Adresse.
Die Adresse kam mir bekannt vor.
Die Wohnung, die ich Jahre vor unserer Hochzeit gekauft hatte. Die Wohnung, die ich vermietet hatte. Die Wohnung, die mein Mann als „sowieso wertlos“ bezeichnet hatte und von der er keine Ahnung hatte, dass sie seit einem Monat leer stand. Und die Karte?
Ich erinnerte mich.
Das Konto, das ich eröffnet hatte, lange bevor ich begriff, wer ich an seiner Seite wurde. Das Konto, auf das ich „nur für alle Fälle“ kleine Beträge eingezahlt hatte. Geld, das ihm nie aufgefallen war. Ich hatte die Karte in der Jackentasche versteckt, als ich Wäsche wusch, und sie dann vergessen.
Ich saß da auf den kalten Stufen, und zum ersten Mal an diesem Abend wollte ich lachen. Nicht hysterisch. Leise. Bitter. Aber wirklich.
Ich stand auf.
Ich ging nicht zurück zur Tür. Ich klingelte nicht. Ich bettelte nicht. Ich ging hinaus in die Kälte, hielt ein Taxi an und diktierte die Adresse auf einen Zettel.
Eine Stunde später stand ich in meiner Wohnung. Warm. Still. Ich schloss die Tür ab und lehnte mich dagegen. Ich war allein. Aber ich war in Sicherheit.
Um Mitternacht bekam ich eine SMS. Nur ein Satz:
„Wo bist du? Komm zurück.“
Ich antwortete nicht.
Dieses Jahr endete auf den kalten Stufen. Doch ein neues begann hinter der Tür, die ich hinter mir schloss. Und zum ersten Mal seit Langem wusste ich, dass ich dieses Mal nicht zurückkehren würde.