Und dann geschah es.
Der Wasserdruck fiel plötzlich ab. Nicht plötzlich, eher zögerlich, als ob etwas im System nicht loslassen wollte. Ein paar Sekunden später war das Wasser komplett weg. Ich stand unter der Dusche, mit Schaum bedeckt, und erwartete, dass das Wasser gleich wieder fließen würde. Stattdessen kam ein Geräusch aus den Rohren.
Es war nicht laut. Ganz im Gegenteil. Leise, hohl, langgezogen. Als ob sich etwas tief in der Wand bewegt hätte. Etwas, das da nicht hingehörte. Das Geräusch klang wie das langsame Schaben oder Gleiten von nassem Material über Metall.
Es ließ mich erstarren.
Ich versuchte, den Wasserhahn wieder aufzudrehen.
Zuerst passierte nichts. Dann hörte ich ein leises Glucksen. Und dann ergoss sich etwas, das definitiv kein Wasser war, aus dem Duschkopf.
Eine dicke, durchscheinende Substanz, die langsam herabfloss und sich am Duschboden ausbreitete. Sie war klebrig, glitschig und hatte einen seltsamen Glanz. Darin schimmerten winzige, gelbliche Körnchen, unregelmäßig verstreut wie Samen oder Eier. Es sah abstoßend lebendig aus.
Ich erstarrte.
Mein erster Gedanke war völlig irrational, aber furchterregend: ein Ei. Irgendein Ei. Etwas, das sich in den Rohren entwickelt hatte und nun seinen Weg nach draußen gefunden hatte. Insekten. Würmer. Parasiten. Etwas, das niemals das Licht des Badezimmers hätte erblicken dürfen.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog und gleichzeitig hochkam. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich schrie auf und rannte, ohne nachzudenken, aus der Dusche, ohne den Schaum abzuspülen. Ich rutschte über die Fliesen, mein Herz hämmerte so heftig, dass ich meinen eigenen Herzschlag in den Ohren hörte.
Ich knallte die Badezimmertür hinter mir zu und schloss ab.
Ich stand nackt, nass und zitternd im Flur. Minutenlang konnte ich mich nicht bewegen. Absurde, aber furchterregende Bilder schossen mir durch den Kopf. Die Vorstellung, wie sich die Masse zu bewegen begann. Etwas, das daraus schlüpfte. Wie es sich unter der Tür hindurchzwängte.
Ich lauschte.
Aus dem Badezimmer drang ein leises Glucksen.
Ich schnappte mir ein Handtuch und mein Handy. Ich rief den Hausmeister an. Er ging nicht ran. Dann den Klempner, dessen Nummer ich in meinen Kontakten gefunden hatte. Er versprach, in einer Stunde zu kommen. Die Stunde schien endlos.
Ich setzte mich angezogen aufs Bett, jederzeit bereit zu gehen. Die Badezimmertür blieb geschlossen. Alle paar Minuten prüfte ich, ob darunter Feuchtigkeit war.
Als der Klempner endlich kam, öffnete er vorsichtig die Badezimmertür, als hätte er selbst etwas Unangenehmes erwartet. Er schaute in die Dusche, dann zu mir.
„Das kenne ich schon“, sagte er nach einem Moment. „Aber die Leute haben immer Angst davor.“

Er erklärte, es handele sich um eine Ansammlung von biologischen Abfällen, vermischt mit Fett und Seifenresten, die sich allmählich in den Rohren zu einer gelartigen Masse verfestigten. Bei sinkendem Druck könne sie sich schlagartig lösen. Die gelben Körnchen seien Ablagerungen von Mineralien und zersetzten organischen Partikeln.
Es klang einleuchtend. Technisch. Rational.
Und doch.
Als er die Masse entfernt hatte und das Wasser wieder klar floss, kam die Erleichterung nicht sofort. Ich duschte lange bei offener Tür. Jedes Geräusch aus den Rohren ließ mich erstarren. Mir wurde bewusst, wie wenig Kontrolle wir über die Dinge haben, die wir für selbstverständlich halten.
In dieser Nacht verstand ich eines: Das Schlimmste sind nicht die Horrorgeschichten, sondern die Momente, in denen sich etwas völlig Gewöhnliches plötzlich in etwas Fremdes, Ekelhaftes und Unerklärliches verwandelt.
Denn dann merkt man, wie schmal der Grat zwischen Geborgenheit und Angst ist.