Er wurde am frühen Abend entlassen, als die Kälte ihm schneller in die Knochen kroch, als Gedanken in seinen Kopf drangen.

Dreitausend Rubel in der Tasche, ein Entlassungsschein und das Gefühl, die Welt warte nur darauf, ihn daran zu erinnern, dass kein Platz mehr für ihn war. Das Gefängnistor schloss sich leise hinter ihm, ohne Pathos, ohne Zeugen. Vier Jahre seines Lebens blieben drinnen, zusammen mit seinem Namen, seinem Titel und seiner Vergangenheit.

Einst war er Chefarzt eines großen Krankenhauses gewesen. Ein Mann, der respektvoll „Doktor“ genannt wurde. Jetzt war er nur noch ein ehemaliger Häftling in einem alten Mantel, der sich an bessere Zeiten erinnerte. Der Bus fuhr direkt vor seinen Augen ab. Der nächste würde in vierzig Minuten kommen. Das Dorf, in dem er die Nacht bei einem alten Bekannten verbringen sollte, war noch einige Kilometer entfernt.

Er machte sich zu Fuß auf den Weg.

Der Schnee war weich, aber scharfkantig. Er klebte an seinen Schuhen und an seinen Gedanken. Autos fuhren vorbei, aber keines bremste. Niemand fragte, wohin er ging. Er dachte an die Operation, die alles zerstört hatte. An den Patienten, der auf dem OP-Tisch gestorben war. An den Vater, der die Macht hatte. An den Prozess, in dem das Urteil noch vor der Verteidigung verkündet worden war. Sieben Jahre. Vier davon hatte er abgesessen. In der Zwischenzeit hatte er seine Frau, seine Tochter, seine Wohnung verloren. Sein bisheriges Leben.

Er ging am Straßenrand entlang, als er ein Geräusch hörte, das nicht zu einem Winterabend gehörte. Zuerst dachte er, es sei der Wind. Dann kam es wieder. Ein dünner, gebrochener Schrei. Er blieb stehen und lauschte. Der Arztinstinkt sprach, noch bevor sein Verstand handelte.

Er bog von der Straße ab.

Im Graben, hinter einer Schneewehe, lag eine junge Frau. Sie war blass, fast regungslos. Ihr Mantel war aufgeknöpft, ihre Hände umklammerten schwach ihren kleinen Körper. Ein Kind. Ein Neugeborenes. Er erkannte sofort die Anzeichen von Unterkühlung. Blut an ihrer Seite. Unregelmäßige Atmung. Kaum tastbarer Puls.

Er kniete sich neben sie, versuchte sie zu wärmen und sprach mit ihr in dem ruhigen Ton, mit dem er einst seine Patienten behandelt hatte. Die Frau öffnete die Augen. Sie sah ihn direkt an, als wüsste sie, wer er war, und gleichzeitig war es ihr egal.

„Bitte …“, flüsterte sie. „Nehmen Sie das Baby.“

Ihre Lippen zitterten. Jedes Wort kostete sie ihre letzten Kräfte.

„Er heißt Mark“, fügte sie hinzu.

Sie spreizte die Finger und schob einen kleinen Schlüssel und einen gefalteten Zettel in seine Windel. Eine Adresse. Bevor er etwas sagen konnte, erlosch ihr Blick. Er blieb mit dem Kind im Arm im Schnee kniend zurück, wissend, dass er ihr nicht mehr helfen konnte.

Er stand auf und ging weiter. Niemand hielt an. Niemand half. Nur er und das fremde Kind, das ruhig, aber regelmäßig atmete. Er hielt es so, wie er es aus dem Kreißsaal in Erinnerung hatte. Sicher. Vorsichtig. Als könnte die Welt bei einer falschen Bewegung zusammenbrechen.

Nach einigen Stunden erreichte er das Haus an der Adresse auf dem Zettel. Ein altes Mietshaus, abblätternde Fassade, ein schwach beleuchtetes Fenster. Er blieb vor der Tür stehen. In diesem Moment überkam ihn eine seltsame Schwere. Ihm wurde klar, dass er nirgendwohin zurückkehren konnte. Und dass dieses Kind nun das Einzige war, was ihm noch Halt gab.

Er klopfte.

Die Tür öffnete sich.

Und er erstarrte.

Ein Mann im weißen Kittel stand vor ihm. Der Chefarzt des Krankenhauses, in dem er einst gearbeitet hatte. Derselbe, der im Gerichtssaal geschwiegen hatte. Derjenige, der seinen Platz eingenommen hatte. Hinter ihm erschien eine Frau. Und dann noch eine Gestalt.

„Sie?“, keuchte der Arzt.

Der ehemalige Gefangene drückte das Kind fester an sich.

„Ihre Tochter ist tot“, sagte er ruhig. „Sie ist heute Nacht am Straßenrand gestorben. Sie hat nur ihn gerettet.“

Eine Stille senkte sich über das Haus, die mehr schmerzte als die Schreie. Der Mann im Kittel erbleichte. Er streckte die Hand aus, hielt aber inne, als fürchte er sich, seine eigene Schuld zu berühren.

In diesem Moment begriff der ehemalige Bürgermeister, dass das Schicksal einen seltsamen Gerechtigkeitssinn besaß. Es hatte ihm alles genommen, ihm aber im Gegenzug sein Leben anvertraut.

Und zum ersten Mal seit Jahren spürte er, dass es noch nicht zu spät für einen Neuanfang war.

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