Doch niemand ahnte die dunkle Besessenheit, die sich hinter dieser Maske verbarg – bis eine Frau, die er für unbedeutend hielt, in sein Leben trat.
Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich zum ersten Mal durch die Tore seiner Villa ging. Das Haus war riesig, still, kalt. Nicht das, was ein Zuhause sein sollte, sondern eher ein Monument der Macht und Isolation. Als mir die Agentur eine Stelle als Reinigungskraft anbot, hielt ich das für ein Wunder. Ich war unauffällig, still, gewohnt, nicht aufzufallen. Genau die Art von Mensch, die Reiche nicht bemerken.
Der Hausbesitzer war ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein Mann, der als Asket galt. Höflich, aber zurückhaltend. Er erhob nie die Stimme, lächelte nie mit den Augen. Er hatte die Angewohnheit, Menschen zu mustern, als würde er sie in Schubladen stecken. Die ersten Tage verliefen ruhig. Ich arbeitete, er nahm mich kaum wahr.
Dann begann ich, die Frauen zu bemerken.
Sie kamen immer allein. Sie waren jung, gepflegt, wirkten zerbrechlich und ergeben. Sie übernachteten nie. Sie kamen nie wieder. Mit gesenkten Blicken gingen sie schweigend, als ließen sie einen Teil von sich zurück. Er begleitete sie mit demselben leeren Lächeln zur Tür.
Irgendetwas daran beunruhigte mich. Meine Intuition flüsterte mir zu, dass etwas Verdorbenes im Haus verborgen war.
Eines Nachmittags suchte ich Putzmittel und ging in den Keller. Ich wusste, es war ein verbotener Ort – die Tür war immer verschlossen. Doch an diesem Tag nicht. Sobald ich eintrat, spürte ich, wie sich die Luft veränderte. Sie war schwer, muffig, erfüllt von einer Stille, die mir auf den Ohren lastete.
Bevor ich mich umdrehen konnte, stand er hinter mir.

„Wer hat Ihnen erlaubt, hier hereinzukommen?“, fragte er kalt.
Seine Stimme klang nicht wütend, sondern etwas Schlimmeres – absolute Kontrolle. Ich stammelte Entschuldigungen, mein Herz hämmerte so heftig, dass ich dachte, ich würde ohnmächtig werden. Er sagte nichts mehr. Er starrte mich nur an. Und dieser Blick ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Von diesem Tag an veränderte sich sein Verhalten.
Er fing an, mit mir zu reden. Unhöflich – viel zu persönlich. Er fragte nach meiner Kindheit, meiner Familie, meiner Vergangenheit. Dinge, die sonst niemand hören wollte. Eines Tages sah er mich länger als sonst an und sagte:
„Du bist anders.“
Ich fragte nicht, warum. Innerlich spürte ich, dass dieser Satz kein Kompliment war.
Ein paar Tage später, als ich sein Büro wie üblich putzte, bemerkte ich eine kleine Unebenheit an der Wand hinter einem Gemälde. Dahinter verbarg sich eine Schublade. Ich hatte nicht die Absicht, sie zu öffnen. Aber irgendetwas trieb mich dazu.
Darin waren Akten. Sorgfältig geordnet. Fotos, Namen, Geburtsdaten. Notizen. Sie alle gehörten jungen Frauen. Sie alle hatten ein Wort gemeinsam, immer und immer wieder: Jungfrau.
Meine Hände zitterten. Aber der eigentliche Schock kam später.
Ganz unten in der Schublade lag ein altes, vergilbtes Foto. Ein kleines Mädchen stand vor einem verfallenen Haus. Eine staubige Straße. Ein Baum mit einem abgebrochenen Ast. Ich erkannte den Ort sofort.
Es war mein Dorf.
Und das kleine Mädchen auf dem Foto … das war ich.
In diesem Moment begriff ich, dass ich nie nur eine zufällige Putzfrau in einem fremden Haus gewesen war. Ich war schon lange Teil seiner Geschichte, bevor ich überhaupt durch das Tor getreten war.
Und dieses Mal war ich nicht länger hilflos.