Als er sich hinkniete, um die Blumen niederzulegen, blieb sein Blick an der Unterkante des Grabsteins haften. Zuerst dachte er, es sei ein Kratzer, eine Beschädigung des Steins durch Regen oder Frost. Doch als er den Staub mit dem Finger abwischte, trat die Inschrift im grauen Morgenlicht deutlicher hervor.

Dort war eine Botschaft eingraviert. In kleinen, fast panischen Buchstaben. Sie entsprach nicht dem offiziellen Text des Grabsteins, sie war nicht Teil der Verzierung. Jemand hatte sie später heimlich hinzugefügt.

Es war ein Satz, der ihm sofort den Atem raubte.

„Ich bin nicht eines natürlichen Todes gestorben.“

Er erstarrte. Seine Finger zitterten, und eine Welle der Kälte stieg in ihm auf, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Sein Blick huschte über das Grab, das Foto, das Sterbedatum. Alles war genau so, wie er es aus der Geschichte in Erinnerung hatte: Sie war plötzlich gestorben, angeblich an Herzversagen. Sie war nicht krank gewesen. Sie hatte keine Medikamente genommen. Sie war nicht in Gefahr gewesen. Sie war jung, gesund, voller Leben.

Und doch war sie fort.

Und er – ihr Verlobter – war am Tag ihres Todes eines Verbrechens beschuldigt worden, das er nicht begangen hatte. Fünf Jahre lang hatte er seine Unschuld beteuert. Niemand hatte ihm zugehört. Niemand hatte ihm geglaubt.

Und nun hatte jemand eine Nachricht vor ihm hinterlassen, die alles verändern würde.

Er beugte sich näher an den Grabstein. Der Text ging weiter. Unter dem ersten Satz stand ein zweiter, viel kürzerer, aber noch beängstigenderer:

„Schau unter die Platte.“

Ihm wurde schwindlig. Er sah sich schnell um, ob ihm jemand folgte. Doch der Friedhof war still, bis auf das Rascheln des Windes in den Ästen, das wie eine stumme Warnung klang.

Er kniete sich erneut hin, diesmal entschlossener. Er schob die Finger unter den Rand der Platte. Es war keine große Platte, sondern ein kleines, klappbares Teil an ihrer Unterseite – eine Art kleine Nische. Er hatte nicht gewusst, dass es so etwas gab.

Es war verschlossen.

Aber das Schloss war alt und rostig. Ein paar Steinschläge genügten, um den Hohlraum zu öffnen, aus dem Staub und verstaubtes Papier quollen.

Es war ein Brief. Ordentlich gefaltet, aber offensichtlich alt. Sein Herz machte einen Sprung, als er den Namen seiner Verlobten in ihrer Handschrift sah. Er erkannte sie sofort: runde Buchstaben, zarte Striche, kleine Verzierungen an den Enden.

Seine Handflächen waren schweißnass. Vorsichtig faltete er das Papier auseinander und las.

„Wenn du das liest, bedeutet es, dass die Wahrheit später ans Licht kam, als ich gehofft hatte. Ich war monatelang krank. Erst nur müde, dann Kopfschmerzen, dann seltsame Zustände, in denen ich nicht einmal stehen konnte. Man sagte mir, es sei Stress. Aber ich wusste, dass etwas nicht stimmte.“

Seine Stimme versagte, obwohl er nur in Gedanken las.

„Ich habe versucht, mit den Menschen um mich herum zu reden. Niemand hat mich ernst genommen. Aber jemand hat mich gehört. Jemand, der es nicht hätte tun sollen. Und dann fingen die Drohungen an. Sie wollten nicht, dass ich rede. Sie wollten nicht, dass ich gehe. Sie wollten nicht, dass ich heirate.“

Das Papier zitterte in seinen Händen.

„Ich kann den Namen nicht nennen. Wenn ich es täte, würde es nicht nur mich, sondern auch dich verletzen. Ich weiß, dass ich dich liebe, aber ich fürchte, wir werden nicht rechtzeitig heiraten. Wenn mir etwas zustoßen sollte, wäre es kein Unfall.“

Er schloss die Augen, um den Schwindel zu vertreiben. Der Brief ging weiter:

„Der Drahtzieher will kein Geld. Er will Kontrolle. Er will Macht über die Menschen, die sich ihm widersetzt haben. Ich glaube, ich habe jemanden verärgert, der das nicht gewohnt war. Und von diesem Moment an verfolgte mich jemand. Ich war mir sicher, dass jemand in meine Wohnung eingebrochen war. Vielleicht bin ich paranoid, aber ich spüre, dass das Ende naht.“

Die Rückseite des Briefes war noch beängstigender.

„Vertraue niemandem, den du kennst. Traue nicht denen, die dir Hilfe vorgaukeln. Und wenn du jemals an meinem Grab stehst, weiß ich, dass du die Wahrheit suchst. Bitte lauf. Sie schlafen nicht. Und du bist nicht der Erste, der Gerechtigkeit sucht. Manche sind gescheitert.“

Der junge Mann richtete sich auf, die Luft strömte ihm wieder in die Lungen, schmerzhaft scharf. Er wusste genau, dass er auch jetzt noch beobachtet wurde. Dass jemand nicht wollte, dass er diesen Brief las. Und wenn das, was sie schrieb, stimmte, dann war seine Inhaftierung kein Systemversagen oder ein Fehler.

Sie war geplant.

Plötzlich zerriss das Geräusch von Kies hinter ihm die Stille des Friedhofs.

Er drehte sich um.

Der Wächter, der ihn hierher geführt hatte, stand am Tor. Regungslos stand er da, die Hände in den Taschen. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er war nicht mehr der müde alte Mann. Seine Augen waren hart, kalt.

Und vor allem – er wirkte kein bisschen überrascht, dass der junge Mann gerade etwas aufgedeckt hatte, das für immer hätte verborgen bleiben sollen.

Dem jungen Mann war nur eines klar: Er musste sofort hier weg.

Und er musste herausfinden, wer fünf ganze Jahre lang die Fäden seines Lebens und den Tod seiner Verlobten gezogen hatte.

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