Die Wache glich einem Bienenstock, der von einem Stein getroffen worden war. Die Telefone klingelten ununterbrochen, die Funkgeräte heulten Alarm um Alarm, die Beamten redeten durcheinander, und die Software blinkte rot als Warnung.
So etwas hatten sie noch nie erlebt.
Bis dahin war der Tag ruhig verlaufen – Routineberichte, kleinere Verkehrsverstöße, nichts Ernstes. Und plötzlich, wie ein Dammbruch, leuchteten Hunderte von Alarmen auf den Bildschirmen auf.
Raub an einem Kiosk.
Schlägerei im Supermarkt.
Versuchter Autodiebstahl.
Diebstahl einer Handtasche.
Vandalismus in einem Park.
Ruhestörung.
Verdächtiges Fahrzeug.
Schreie aus einem verlassenen Gebäude.
Und das alles innerhalb weniger Minuten.
„Das ist nicht normal!“, rief einer der Beamten und wandte sich vom Monitor ab. „Das ist ein Systemangriff, ganz sicher ein Virus!“, rief jemand.
Doch der Schichtleiter schüttelte den Kopf.

„Wir müssen der Sache nachgehen. Wir reagieren auf alles. Wirklich alles.“
Die Polizisten sprangen von ihren Stühlen auf, zogen sich im Vorbeigehen ihre Westen über und eilten zu ihren Streifenwagen. Sie verteilten sich auf die Straßen, bereit, herauszufinden, wer hinter diesem Chaos steckte.
Und bald wurde ihnen klar, dass der Anruf kein Scherz war.
Jede Meldung war echt.
Eine Streife kam an einem Kiosk an – und tatsächlich stand dort ein verwirrter Verkäufer, der behauptete, ein Mann habe versucht, ihm die Kasse zu entreißen.
Eine andere Streife fand zwei betrunkene Männer vor einem Supermarkt, die sich um einen Einkaufswagen stritten.
Jemand auf dem Parkplatz versuchte tatsächlich, mit einem Draht ein fremdes Auto zu öffnen.
Zwei Kinder besprühten eine Statue im Park mit Graffiti.
Nichts davon war ernst. Aber es geschah alles gleichzeitig.
Während die Polizei in der Stadt im Einsatz war, trafen unaufhörlich neue Meldungen ein.
Es wirkte, als ob jemand eine Reihe von Kleinkriminalitäten inszenierte, nur um die Polizei abzulenken.
Nach zehn Minuten war die Wache fast leer.
Nur noch ein Polizist war da – Sergeant Knight, ein Mann Mitte fünfzig, der die Anrufe entgegennahm und die Kameras bediente.
Er saß in der stillen, plötzlich seltsam leeren Leitstelle. Und während in der restlichen Stadt unzählige kleinere Vorfälle passierten, bemerkte er etwas weitaus Beunruhigenderes.
Die Hauptkamera auf der Straße
Sergeant Knight beobachtete den Hauptmonitor, der eine Live-Übertragung von der Straße vor der Wache zeigte. Den meisten Polizisten fiel es nie auf, aber ihm schon – er hatte schon mehrmals bemerkt, dass bei einem Ansturm von Anrufen immer dasselbe Detail auf den Kameras zu sehen war.
Eine Gestalt.
Ein Schatten.
Eine Person, die sich verdächtig nahe an die Wache heranwagte.
Und jetzt war sie wieder da.
Am linken Bildrand stand eine große Gestalt, eingehüllt in eine dunkle Kapuzenjacke. Sie tat nichts. Sie blickte nur in die Kamera. Oder besser gesagt … zum Bahnhof.
Der Ritter rückte den Monitor näher heran.
„Wer zum Teufel bist du?“, murmelte er.
Als ob sie ihn hörte, machte die Gestalt einen Schritt nach vorn.
Und dann noch einen.
Und noch einen.
Bis sie direkt vor dem Gebäude stand.
Der Ritter schluckte schwer. Er griff nach dem Funkgerät.
„Hier spricht der Bahnhof. Hier ist eine verdächtige Person …“
Bevor er ausreden konnte, knallte die Tür zu.
Eindringling im Bahnhof
Jemand war gerade eingetreten.
Der Ritter drehte sich um. Im Flur vor dem Kontrollraum war niemand, der drinnen sein sollte. Niemand, den er kannte. Nur eine Gestalt in einer dunklen Kapuze, die langsam hineinging, als wüsste sie genau, wo sonst niemand war.
Es ergab keinen Sinn.
Warum sollte jetzt jemand hereinkommen, wo die Wache leer war?
Etwas traf den Ritter und lähmte ihn.
All die Anrufe … All die kleinen Meldungen …
Es war eine Falle.
Jemand wollte, dass die Wache unbewacht blieb. Jemand wusste, dass die Polizei auf jeden Vorfall reagieren musste.
Und dieser Jemand war gerade dabei, hineinzugehen.
Instinktiv griff der Ritter nach seiner Waffe.
Doch der Eindringling hob langsam die Hand, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war.
„Ich war’s nicht“, sagte er mit tiefer, leiser Stimme. „Aber ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
Er zog sein Handy aus der Tasche und reichte es dem Ritter.
Auf dem Bildschirm lief eine Live-Übertragung.
Aus einem dunklen Raum.
Aus dem Kamerawinkel.
Etwas wie ein Keller.
Und in diesem Raum …
… befanden sich sechs weitere Personen, alle gefesselt.
Und eine von ihnen trug ihre Polizeiuniform.
„Was ist das?“, fragte der Ritter.
Der Mann nahm seine Kapuze ab.
Er war ein Informant, den die Polizei drei Monate lang vermisst hatte.
„Das“, sagte er, „ist der wahre Grund für all die Alarme.“
„Jemand wollte nicht, dass die Polizei heute Nacht die Stadt überwacht. Sie wollten, dass sie gar nichts überwachen. Und während ihr hier herumrennt und nach Kleinigkeiten sucht, bereiten sie etwas viel Schlimmeres vor.“
Der Ritter erstarrte.
„Was?“, keuchte er.
Der Informant blickte auf die Uhr an der Wand.
„Es geht in sechs Minuten los.“
Und in diesem Moment begannen neue Nachrichten aus allen Telefonen der leeren Wache zu kommen. Diesmal nicht über Taschendiebe.
Sondern über Sprengstoff.