Die Feier war in vollem Gange. Der Duft von warmem Essen und das laute Lachen der Verwandten, die sich nach langer Zeit endlich wieder unter einem Dach versammelt hatten, erfüllten das Wohnzimmer. Kinder rannten zwischen den Tischen umher, rissen Servietten von den Tischdecken, spielten Fangen und riefen einander zu. Die Erwachsenen saßen im Kreis und stießen auf die Gesundheit der Familie, auf neue Anfänge und darauf an, dass sie trotz aller Hindernisse zusammenhalten.
Die Mutter, die mit der Torte am Tisch stand, beschloss, diesen unbeschwerten Moment festzuhalten. Ihr Sohn, ein achtjähriger Junge mit strahlenden Augen und stets zerzaustem Haar, lachte mit seinem Cousin und hielt ein kleines Spielzeugauto in der Hand, das er geschenkt bekommen hatte.
„Sohn, komm her, lass uns ein Foto machen“, sagte sie und reichte ihm ihr Handy.
Doch in diesem Moment geschah etwas, das niemand hätte vorhersehen können.
Das Handy in ihrer Hand flackerte. Der Bildschirm wurde kurz schwarz, dann erschien mitten auf dem Bildschirm eine neue Nachricht. Es war kein gewöhnlicher Spam, keine Werbung und auch keine Einladung zu einem sozialen Netzwerk. Es war eine kurze, kalte und präzise Nachricht.
Die Mutter klickte instinktiv darauf, ohne es zu merken. Und als sich die Nachricht öffnete, stockte ihr der Atem.
„Du hast nur noch wenige Stunden. Sieh dir deinen Sohn an, solange du kannst.“
Ihre Augen weiteten sich. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ihr ganzer Körper erstarrte so heftig, dass sie das Handy beinahe fallen ließ. Ihre Hände zitterten und ihre Lippen wurden kreidebleich. Alle Geräusche um sie herum verstummten plötzlich – nicht, weil das Geburtstagskind die Musik leiser gedreht hatte, sondern weil ihr Bewusstsein die Außenwelt nicht mehr wahrnahm.
„Mama … was ist los?“, fragte der Junge und bemerkte sofort die Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck.
Seine Stimme klang zunächst fröhlich, doch als er ihr blasses Gesicht sah, wurde er unsicher.
Ihre Mutter sperrte sofort das Handy, als wollte sie verhindern, dass jemand anderes die Worte auf dem Bildschirm las. Ein nervöses Lächeln huschte kurz über ihr Gesicht, doch es hatte nichts mit Freude zu tun.
„Nichts, mein Schatz. Komm her“, versuchte sie zu flüstern, obwohl ihre Stimme zitterte.
Der Junge trat näher, doch ihr Blick wanderte immer wieder zum Handy. Eine einzige Frage hämmerte in ihrem Kopf: Wer hat das geschickt und warum?
Während die Familie um sie herum unbewusst weiterfeierte, setzte sie sich langsam auf einen Stuhl und versuchte, nach außen hin ruhig zu wirken. Doch innerlich brach ein Sturm los. Die Nachricht war nicht unterschrieben. Keine Nummer, nur eine anonyme Mitteilung von einem unbekannten Absender. Und die Worte waren so eindeutig, dass man sie nicht ignorieren konnte.
Ihre Gedanken schweiften sofort in eine Richtung ab, die sie nie im Leben einschlagen wollte. Hatte sie Feinde? Verfolgte jemand ihre Familie? Oder war das ein Scherz? Obwohl sie wusste, wie gefährlich die Situation war, konnte sie sich nicht einreden, dass es nur eine Erfindung war.
Ihr Sohn setzte sich neben sie und beugte sich mit kindlicher Aufrichtigkeit zu ihr.

„Alles in Ordnung?“
Die Frage war simpel, doch sie traf sie tiefer als alles andere.
„Ja“, antwortete sie nach einer kurzen Pause. „Mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen.“
Aber selbst während sie es aussprach, glaubte sie es nicht.
Während die Familie sich darauf vorbereitete, die Torte anzuschneiden, stand ihre Mutter auf, entschuldigte sich und ging in den Flur, wo sie endlich tief durchatmen konnte. Sie öffnete die Nachricht erneut, in der Hoffnung, der Text hätte sich irgendwie geändert, es sei ein Fehler, eine Panne, Unsinn. Aber nein. Die Worte waren dieselben, noch beängstigender als zuvor.
„Du hast nur noch wenige Stunden. Sieh dir deinen Sohn an, solange du kannst.“
Diesmal bemerkte sie noch etwas anderes. Die Nachricht kam von einer App, die sie noch nie benutzt hatte. Sie hatte es noch nicht einmal installiert. Es war ein Dienst, den sie nicht kannte. Und das bedeutete nur eines: Jemand hatte ihr Handy gehackt.
Sie ging zurück ins Zimmer und sah nach ihrem Sohn. Er schien in keiner Gefahr zu sein. Er lachte, schnitt Kuchen an und winkte seinen Verwandten zu. Doch eine neue, düstere Gewissheit beschlich sie: Jemand beobachtete sie.
Und dann kam die zweite Nachricht.
Das Handy vibrierte diesmal leise, fast unmerklich. Aber sie spürte es sofort. Es war, als hätte ihr jemand die Hand auf die Schulter gelegt.
Sie öffnete die Nachricht.
„Schau zur Tür.“
Sie drehte den Kopf. Und in diesem Moment sank ihr das Herz in die Hose.
Dort, zwischen den Gästen, stand jemand, den sie definitiv nicht eingeladen hatte. Und er sah sie direkt an.