Der Regen hatte nicht nachgelassen. Er prasselte auf die Fensterscheiben der Tierklinik wie ein unaufhörliches Trommeln, das dem Mann das Warten noch schwerer machte. Immer wieder stand er auf, ging einige Schritte auf und ab und setzte sich wieder. Die Nacht schien endlos zu sein. Hinter der Glasscheibe der Geburtsbox behandelten die Tierärzte die Hündin mit größter Sorgfalt. Sie kämpften nicht nur gegen ihre Erschöpfung, sondern auch gegen die Uhr.
Kurz nach Sonnenaufgang ertönte endlich ein leises Pfeifen – das Zeichen, dass die Geburt begonnen hatte. Die Assistentinnen standen bereit, Instrumente klirrten, die Lampen wurden heller gestellt. Durch das beschlagene Glas konnte der Mann nur Schemen und hektische Bewegungen erkennen.
Und dann – Stille.
Eine Stille, die schwer war wie Blei.
Die Assistentin, die eben noch Anweisungen gegeben hatte, erstarrte. Die anderen folgten ihrem Blick. Etwas in der Geburtsbox war anders. Viel anders.
„Das… das sind keine Welpen“, flüsterte sie mit matter Stimme.
Der leitende Tierarzt trat näher, kniete sich neben die Hündin und beugte sich über das, was sie geboren hatte. Seine Hand zitterte, als er die winzigen Körper vorsichtig anhob. Seine Augen weiteten sich – erst vor Unglauben, dann vor Angst.
„Das ist unmöglich“, brachte er hervor.
Der Mann starrte gegen das Glas, sein Herz raste. „Was ist los? Warum sagt niemand etwas?“
Doch niemand antwortete. Die Tierärzte waren mit etwas beschäftigt, das nicht in ihre Vorstellung passte. Die Hündin lag erschöpft da, ihre Atmung war schwer, aber stabil. Sie versuchte, ihre Neugeborenen zu erreichen, doch die Ärzte hielten sie zurück – vorsichtig, aber bestimmt.
Endlich öffnete der Tierarzt die Box und kam heraus. Seine Haut war fahl, als hätte er gerade einen Geist gesehen.
„Sie müssen mir folgen“, sagte er tonlos. „Aber bitte… bereiten Sie sich darauf vor, etwas zu sehen, das Sie wahrscheinlich nie vergessen werden.“
Der Mann spürte, wie sich eine eiskalte Hand um sein Herz legte. Doch er nickte. Er musste wissen, was mit der Hündin war. Und vor allem, was sie geboren hatte.
Der Arzt führte ihn in einen Nebenraum. Auf dem Edelstahltisch lagen drei winzige Körper – eingewickelt in sterile Tücher. Auf den ersten Blick sahen sie aus wie Welpen. Doch nur auf den ersten.
Als der Arzt das Tuch des ersten öffnete, stockte dem Mann der Atem.
Die Kreatur hatte Fell wie ein Welpe, aber die Ohren waren viel zu groß und zu weit vorne am Kopf. Ihre Augenlider bewegten sich bereits – viel früher, als bei einem normalen Wurf. Und ihre Pfoten waren ungewöhnlich lang, mit dünnen, gebogenen Krallen, die eher an einen kleinen Raubvogel erinnerten als an einen Hund.

„Was… was ist das?“, flüsterte der Mann.
Der Tierarzt wischte sich nervös über die Stirn. „Ich habe in meinen dreißig Berufsjahren noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Das hier ist… eine Art Hybrid. Irgendjemand hat die Hündin gezielt mit etwas verpaart, das kein gewöhnlicher Hund ist.“
„Aber womit?“, fragte der Mann heiser.
„Ich weiß es nicht“, antwortete der Arzt. „Das hier… hätte nicht existieren dürfen.“
Die zweite Kreatur war noch merkwürdiger. Ihr Fell war grau getüpfelt – wie das eines Wolfes – aber der Schwanz war viel kürzer, fast verkümmert. Als der Arzt sie untersuchte, fauchte das kleine Wesen plötzlich, obwohl es kaum größer war als eine Handfläche. Der Laut klang nicht wie ein Welpenfiepen. Er klang bedrohlich. Unnatürlich.
„Und das dritte…“ Der Arzt zögerte. „Das dritte ist noch seltsamer.“
Als er das Tuch öffnete, sahen beide gleichzeitig, dass das Neugeborene doppelt so groß war wie die anderen beiden. Seine Knochenstruktur wirkte robuster, der Brustkorb breiter. Und – was den Mann am meisten erschreckte – an der Innenseite seiner Vorderpfoten waren dunkle, sichelartige Anhänge zu sehen. Nicht gewachsen, sondern…
„Eingepflanzt?“, keuchte der Mann.
Der Arzt nickte langsam. „Operativ eingebracht. Das hier ist kein Zufall. Das hier ist ein Experiment.“
Der Mann wich einen Schritt zurück, als hätte ihn jemand geschlagen.
„Jemand hat Ihre Hündin benutzt“, sagte der Arzt. „Sie war nicht einfach eine streunende, trächtige Hündin. Sie war ein Behälter. Ein Träger.“
Der Mann spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Er dachte zurück an den Fundort. Die nächtliche Straße. Die Verletzungen. Die Angst in ihren Augen. Und plötzlich ergab alles Sinn.
Jemand hatte sie weggeworfen.
Weil sie ihren Zweck erfüllt hatte.
„Wir müssen die Behörden informieren“, sagte der Arzt entschlossen. „Das hier ist kein Fall von Tiermedizin mehr. Das ist etwas Größeres.“
Doch bevor der Mann antworten konnte, ertönte aus dem Behandlungsraum ein Geräusch. Ein metallisches Klirren. Dann ein gedämpftes Knurren.
Die beiden Männer sahen sich an.
„Das kam von den Neugeborenen“, flüsterte der Arzt.