Ich blinzelte mehrmals. Der Verkehr stand, aber in meinem Kopf begann alles zu rasen. Das Ding hing genau neben dem roten Licht, kaum mehr als zwei Meter über dem Boden. Es sah aus wie ein Strick, nein, wie ein zerrissenes Bündel dünner Fäden. Doch irgendetwas stimmte nicht.
Ich fuhr das Fenster herunter. Der Motor lief, die Hitze stieg mir ins Gesicht, aber ich nahm nichts davon mehr wahr. Ich starrte nur auf dieses Ding.
Es zuckte.
Nicht wie ein Stofffetzen im Wind, sondern wie ein lebendiger Körper. Ein Zucken, ein langsames Einrollen. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufrichteten. Mein erster Gedanke: irgendein Tier hat sich darin verfangen.
Jetzt richteten auch die Fahrer hinter mir die Blicke dorthin, denn das rote Licht hielt uns alle fest. Niemand konnte weiterfahren. Wir alle waren gezwungen zuzusehen.
Ich schaltete in den Leerlauf, öffnete die Tür, trat auf den Asphalt. Ich weiß nicht, warum ich ausgestiegen bin. Vielleicht war es Neugier, vielleicht ein instinktives Bedürfnis zu helfen. Ich erwartete ein Stück Seil oder vielleicht einen Vogel, der sich im Kabel verheddert hatte. Doch dann erkannte ich es.
Es war ein Schwanz.
Nicht der Schwanz eines Vogels oder einer Ratte. Länglich, muskulös, in einem unnatürlichen Winkel gekrümmt. Und direkt darüber – in der Halterung der Ampel – war ein kleiner Körper eingeklemmt.
Ich stand wie versteinert. Das Ding war lebendig.
Ein Mann zwei Autos neben mir stieg ebenfalls aus. Er sah es gleichzeitig mit mir und flüsterte nur: „Jesus.“
Ein kleines Tier, vielleicht eine Katze oder ein Marder, hatte versucht, den Querträger entlangzuklettern, war abgerutscht und nun mit dem Hinterteil am Ampelmetall eingeklemmt. Es hing kopfüber, völlig still. Erst jetzt bemerkte ich die Kratzspuren am Metall, kleine dunkle Fellbüschel, die wie stumme Schreie wirkten.
Ich hob die Hand, wollte es irgendwie beruhigen, aber im selben Moment fuhr ein Lastwagen hupend an uns vorbei. Das Tier zuckte heftig. Und dann hörte ich den Laut.

Ein ersticktes, kaum hörbares Fiepen. Nicht laut, nicht panisch – eher wie ein letzter Versuch, bemerkbar zu werden.
Ein paar Autofahrer riefen, jemand zückte sein Handy, doch keiner tat etwas. Ein Moment, der zeigt, wie oft Menschen lieber filmen als handeln. Ich drehte mich nicht einmal um. Ich kletterte auf den Bordstein. Das Metall war heiß. Ich drückte mich hoch, griff mit zwei Händen nach dem Tier. Es zitterte, aber kratzte nicht.
Als ich endlich genug Halt hatte, zog ich.
Der Körper löste sich plötzlich. Ich knickte fast weg, fiel zurück auf den Asphalt, und das Tier landete in meinen Armen. Es war ein junger Kater. Schmutzig, dehydriert, aber lebendig. Sein Herz schlug wie ein Trommelwirbel.
Die Ampel schaltete auf Grün.
Die Autos hinter uns hupten. Die Leute schüttelten den Kopf, manche lächelten, manche taten so, als wäre nichts passiert. Der Alltag schluckte die Dramatik einfach wieder hinunter.
Ich setzte mich ins Auto, legte den Kater vorsichtig auf den Beifahrersitz. Er schnurrte nicht. Er starrte nur. Als hätte er begriffen, dass ein paar Sekunden sein ganzes Leben verändert hatten.
Zu Hause gab ich ihm Wasser, Futter, eine Decke. Erst am Abend, als alles ruhig wurde, verstand ich, was mich so erschüttert hatte.
Das war nicht nur ein Tier, das fast an einer Ampel gestorben wäre. Es war ein Spiegel. Ein Sinnbild für all die Momente, in denen wir hängen – sichtbar, verzweifelt, aber niemand hält an, niemand blickt wirklich hin.
Von diesem Tag an blieb er bei mir.
Ich nannte ihn „Signal“.
Und manchmal, wenn ich an derselben Ampel stehe und die rote Lampe über mir brennt, denke ich daran, wie nah er war, einfach zu verschwinden, ohne dass es jemand interessiert hätte.
Manchmal reicht ein zweiter Blick – und ein einziger Schritt nach vorn –, um etwas zu retten, was andere längst aufgegeben haben.
Vielleicht sogar uns selbst.