Im Jahr 1947 war das Stadtgefängnis ein düsterer Ort, ein kalter Bau aus Stein, von dem man sagte, dass selbst die Mauern weinten. In Zelle 3 saß ein Mann, der seit Monaten auf sein Urteil wartete. Er hieß Heinrich Falk, Sohn eines Bergarbeiters, ein ehemaliger Offizier, dem man Hochverrat vorwarf. Er beteuerte seine Unschuld bis zuletzt, doch seine Worte prallten ab wie Regentropfen vom Betonboden.
Am 16. September sollte er hingerichtet werden. Öffentlich, wie es damals üblich war, um ein Exempel zu statuieren.
Am Abend zuvor betrat der diensthabende Wärter seine Zelle. Falk saß zusammengekauert auf dem Boden, die Hände starr um seine Knie gefaltet. Sein Atem war flach, sein Blick leer.
„Wach auf“, sagte der Wärter, ohne jede Sanftmut. „Du hast Anspruch auf einen letzten Wunsch.“
Falk hob den Kopf, als hätte man ihn aus einem Traum gerissen.
„Lasst mich frei. Ich bin kein Verräter.“
„Das wird nicht passieren“, entgegnete der Wärter. „Du kannst etwas essen, trinken, beten. Das ist alles.“
Falk schloss die Augen.
Dann flüsterte er:
„Ich möchte meinen Hund sehen. Meinen Hirtenhund. Sein Name ist Arko. Er ist mein einziger Freund. Wenn ich sterben muss, dann soll er wissen, dass ich ihn nicht verlassen wollte.“

Der Wärter runzelte die Stirn. Ein lächerlicher Wunsch, dachte er. Doch er war nicht verboten. Und ein Mann, der sterben sollte, stellte keine Gefahr dar.
„In Ordnung“, murmelte er schließlich. „Aber nur für eine Nacht.“
Eine Stunde später führte man den Hund durch den langen Korridor. Arko war groß, kräftig, mit einem schwarzen Fellstreifen über dem Rücken. Als er das Zellengitter sah, begann er zu winseln. Sobald die Tür geöffnet wurde, stürzte er hinein, sprang seinem Herrchen entgegen und drückte sich bebend an ihn.
Falk umarmte ihn, als wolle er ihn nie wieder loslassen.
Die Nacht war still. Kein Gespräch, kein Wort. Nur das gleichmäßige Atemgeräusch eines Hundes, der den Kopf auf die Beine seines Herrchens gelegt hatte. Falk legte sich daneben, die Hand im Fell des Tieres vergraben. Niemand wusste, was er dachte. Vielleicht betete er. Vielleicht weinte er. Vielleicht legte er zum ersten Mal seit Monaten den Kopf zur Ruhe.
Als morgens das schwere Schloss knarrte, klirrten dem Wärter die Nerven. Er trat ein. Zwei weitere Männer folgten ihm. Sie waren gekommen, um den Gefangenen in den Hof zu führen.
Doch was sie sahen, ließ sie erstarren.
Der Hund lag regungslos an Falks Brust. Der Mann selbst saß noch immer in derselben Haltung wie am Abend zuvor. Der Kopf leicht nach vorne geneigt. Die Hand fest am Hals des Hundes verkrampft.
Beide waren tot.
Keiner der Wärter fand Worte.
Ein Arzt wurde gerufen. Er untersuchte Falk und sagte dann nur leise:
„Herzstillstand. Vermutlich in der Nacht. Er hat es nicht mehr erlebt.“
Dann untersuchte er den Hund.
„Er ist kurz danach gestorben. Keine Verletzungen.“
Der jüngste Wärter flüsterte:
„Ist das möglich?“
Ein alter Kollege antwortete:
„Es gibt Hunde, die verhungern, wenn ihr Herr stirbt. Es gibt Pferde, die sich weigern weiterzuleben, wenn der Reiter tot ist. Warum sollte ein Hund nicht sterben, wenn sein Mensch es tut?“
Jemand murmelte, es müsse Gift gewesen sein. Doch sie fanden keins. Auch keine Spuren von Gewalt. Es war, als hätte Arko beschlossen, seinem Herrchen zu folgen.
Am selben Tag schrieb ein Journalist, der von dem Vorfall hörte, einen kurzen Satz in seine Zeitung:
„Ein Verräter starb in der Nacht – und ein Hund entschied, ihm in den Tod zu folgen. Möge jeder urteilen, was das über seine Schuld aussagt.“
Doch während draußen Menschen diskutierten, die Behörden Akten schlossen und Historiker später darüber stritten, ob Heinrich Falk schuldig oder unschuldig gewesen war, blieb ein Detail bestehen, das keiner leugnen konnte:
Keiner der Wärter, keiner der Zeugen, keiner der Ärzte hatte jemals zuvor gesehen, dass ein Tier neben seinem toten Herrn starb, ohne Verletzung, ohne Gift, ohne Kampf.
Einige sagten, der Hund sei an gebrochenem Herzen gestorben. Andere sagten, das sei sentimentaler Unsinn.
Doch jemand, der damals in der Wache stand, schrieb später in einem Brief:
„Ich habe Männer sterben sehen. Ich habe verzweifelte Schreie gehört. Aber ich habe nie etwas Reineres erlebt als den stillen Tod dieses Hundes. Wenn Treue eine Gestalt hätte, wäre sie an diesem Morgen in Zelle 3 gestorben.“
Der Fall Heinrich Falk wurde nie offiziell rehabilitiert.
Aber in den Jahren danach legte jemand jeden 16. September ein Stück Brot und ein einzelnes Hundefellband vor die alte Zellentür.
Und als das Gefängnis Jahrzehnte später abgerissen wurde, fand man in der Mauer eingeritzt:
„Er war kein Verräter. Er war mein Mensch.“