Rajiv war achtundzwanzig Jahre alt und stammte aus einer Familie, die großen Wert auf Traditionen legte.
Er empfand einige der Bräuche zwar als altmodisch, lehnte sich jedoch nie offen gegen sie auf. Von Kindesbeinen an hatte man ihn gelehrt, dass Familientraditionen geachtet werden müssen, da sie den Zusammenhalt der Familie sicherten.
Als seine Eltern eines Tages verkündeten, sie hätten eine geeignete Braut für ihn gefunden, erhob er überraschenderweise keinen Einwand.
Sie hieß Ananya. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, arbeitete als Lehrerin und lebte bei ihren Eltern in einer anderen Stadt.
Den Regeln ihrer Familie zufolge durfte sich das Verlobtenpaar vor der Hochzeit kennenlernen und miteinander telefonieren. Es gab jedoch eine strenge Vorschrift.
Rajiv durfte ihr Gesicht nicht sehen.
Er durfte ihre Stimme kennen. Er durfte sie nach ihren Träumen, Ängsten und Plänen fragen. Er durfte jeden Abend stundenlang mit ihr telefonieren.
Doch ihr Gesicht durfte er erst am Tag ihrer Hochzeit sehen.
Anfangs erschien ihm diese ganze Regel absurd.
Mit der Zeit jedoch hörte er auf, sich Gedanken darüber zu machen, wie Ananya aussah.
Ihre Stimme gewann für ihn an Bedeutung.
Sie sprachen fast jeden Abend miteinander. Sie erzählte ihm von ihren Schülern, von ihrer Mutter, die Blumen liebte, und von ihrem Vater, der den Großteil seiner Freizeit im Garten verbrachte.
Rajiv wiederum erzählte ihr von seiner Arbeit, seiner Familie und davon, wie er sich ihr gemeinsames Leben vorstellte.
Einmal fragte er sie sogar:
„Wovor hast du im Hinblick auf die Hochzeit am meisten Angst?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte langes Schweigen.
„Dass du mich nicht willst“, antwortete sie schließlich.
Rajiv lachte.
„Wie könnte ich dich nicht wollen, wo ich doch den ganzen Tag auf unsere abendlichen Telefonate warte?“ Auch Ananya lachte da.
Doch später wurde Rajiv klar, dass ihr Lachen seltsam geklungen hatte. Als versuche sie zu verbergen, dass sie weinte.
Er maß dem jedoch keine große Bedeutung bei.
Und dann kam der Tag der Hochzeit.
Als Ananya den Saal betrat, drehten sich alle nach ihr um.
Sie trug ein prächtiges Brautkleid und einen langen, rosafarbenen Schleier, der ihr ganzes Gesicht verdeckte.
Zum ersten Mal stand Rajiv nur wenige Schritte von der Frau entfernt, die er gleich heiraten würde.
Sein Herz klopfte heftig.
Er wollte lächeln, doch fast augenblicklich bemerkte er etwas Seltsames.
Ananya hatte schreckliche Angst.
Nicht nur Nervosität.
Sie war voller Angst.
Ihre Finger zitterten leicht. Immer wieder prüfte sie ihren Schleier, und jedes Mal, wenn eine Verwandte versuchte, den Stoff zurechtzurücken, zuckte Ananya zusammen und drückte ihn sofort wieder fest an ihr Gesicht.
Zunächst redete Rajiv sich ein, es sei nur das Lampenfieber vor der Hochzeit.
Er beugte sich zu ihr hinüber.
„Ist alles in Ordnung?“
„Ja“, flüsterte sie. „Bist du sicher?“
„Ja, bin ich.“
Doch ihre Stimme klang so schwach, dass er ihr nicht glaubte.
Während der Zeremonie sprach sie kaum ein Wort.
Rajiv warf ihr immer wieder verstohlene Blicke zu, und jedes Mal hatte er das Gefühl, sie wolle ihm etwas mitteilen.
Dennoch schwieg sie.
Nach der Zeremonie begannen die Glückwünsche.
Verwandte machten Fotos mit dem Brautpaar, überreichten Geschenke und scherzten über das gemeinsame Leben, das vor ihnen lag.
Rajiv erwartete, dass Ananya endlich ihren Schleier lüften würde.
Doch das geschah nicht.
Nicht nach einer Stunde.
Nicht nach zwei.
Nicht einmal während des Hochzeitsessens.
Wann immer jemand fragte, warum sie den Schleier noch immer vor dem Gesicht trug, lächelte sie nur und sagte:
„Das ist mein Wunsch.“
Rajiv begann, sich unwohl zu fühlen.
Nicht, weil ihr Aussehen für ihn wichtiger war als alles andere.
Sondern weil er spürte, dass mehr dahintersteckte.
Spät am Abend waren schließlich alle gegangen.
Die Tür schloss sich, und zum ersten Mal an diesem Tag waren sie allein.
Rajiv setzte sich Ananya gegenüber.
Einen Moment lang schwiegen beide.
Dann lächelte er.

„Also … jetzt kann ich dich endlich sehen.“ Ananya senkte den Kopf.
„Rajiv …“
„Ja?“
„Du musst es nicht tun.“
„Was tun?“
„Den Schleier lüften.“
Rajiv runzelte die Stirn.
„Warum nicht?“
Sie antwortete eine ganze Weile nicht.
„Weil ich Angst davor habe, was du tun wirst, wenn du mich siehst.“
Ihre Worte ließen ihn stutzen.
„Was sollte ich denn tun?“
Ananya schloss die Augen.
„Ich weiß es nicht.“
Rajiv trat näher an sie heran.
„Sieh mich an.“
Langsam hob sie den Kopf. „Erinnerst du dich daran, was du mir am Telefon gesagt hast?“
„Was?“
„Dass du Angst hattest, ich würde dich nicht wollen.“
Ananya brach in Tränen aus.
Rajiv streckte die Hand nach dem Schleier aus.
Diesmal hielt sie ihn nicht auf.
Er fasste den Stoff zwischen die Finger und hob ihn langsam an.
Zuerst sah er ihre Augen.
Dann ihre Stirn.
Und schließlich ihr ganzes Gesicht.
Rajiv erstarrte.
Er wagte nicht einmal zu atmen.
Ananya hatte eine große Narbe auf der rechten Gesichtshälfte, die an der Schläfe begann und bis zum Kiefer hinabreichte. Ein Teil der Haut war sichtlich beschädigt, und an einigen Stellen sah es so aus, als wäre sie dort einst schwer verbrannt worden.
Rajiv schwieg einige Sekunden lang.
Ananya begann zu weinen.
„Ich wollte es dir sagen.“
„Wann?“
„Vor der Hochzeit.“
„Warum hast du es dann nicht getan?“
„Weil ich Angst hatte, du würdest mich verlassen.“
Rajiv senkte den Blick.
Dann bemerkte er noch etwas.
Sie trug einen kleinen Anhänger um den Hals.
Er hatte ihn schon einmal gesehen.
Nicht an ihr.
Auf einem alten Foto im Haus seiner Eltern.
Rajiv runzelte die Stirn.
„Woher hast du den?“
Ananya hörte auf zu zittern.
„Was?“
Er deutete auf den Anhänger.
„Den da.“
Ananya wurde blass.
„Er gehörte meiner Mutter.“
Rajivs Herz begann zu rasen.
„Wie heißt deine Mutter?“
Ananya nannte ihm ihren Namen. Und in diesem Moment begriff er, warum ihr Name ihm vom allerersten Tag an so vertraut vorgekommen war.
Dieser Name …