„Mir bleibt weniger als ein Jahr zu leben. Heirate mich, schenk mir ein Kind, und ich werde für immer für deine Familie sorgen.“

Mit diesen Worten wandte sich ein wohlhabender Hofbesitzer an die zweiundzwanzigjährige Anna – eine junge Frau, die nichts anderes kannte als harte Arbeit, Erschöpfung und die ständige Angst, dass ihrer Familie die Lebensgrundlage fehlen würde.

Sie hätte sich nie träumen lassen, dass jenes Angebot, das ihre kranke Mutter und ihre beiden jüngeren Brüder retten sollte, sie eines Tages in ein Haus führen würde, in dem sie um ihr eigenes Leben kämpfen musste.

Anna stand jeden Tag noch vor Sonnenaufgang auf.

Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die umliegenden Felder berührten, war sie bereits in alte Kleidung und Gummistiefel gehüllt und auf dem Weg zum Hof. Sie molk Kühe, mistete Ställe aus, schleppte Futtersäcke und arbeitete stundenlang – bei Kälte, Regen und der unerträglichen Sommerhitze.

Ihr Lohn reichte gerade so zum Überleben für ihre Familie.

Ihr Vater war vor Jahren gestorben, und seither lastete die Verantwortung größtenteils auf ihren Schultern. Ihre Mutter war krank und wurde zusehends schwächer. Ihre beiden jüngeren Brüder gingen noch zur Schule, sodass Anna nicht den Luxus hatte, an ihre eigene Zukunft zu denken.

Wenn die Familie Glück hatte, gab es drei Mahlzeiten am Tag.

Wenn das Glück fehlte, tat Anna so, als hätte sie bei der Arbeit bereits gegessen.

Am schwersten waren die Tage, an denen ihre Mutter Medikamente brauchte. Anna lieh sich Geld von Nachbarn, Bekannten und manchmal sogar von Leuten, denen sie nicht einmal in die Augen zu blicken wagte. Sie notierte jede Schuld auf einem Zettel und zahlte sie nach und nach ab.

Sie hatte fast aufgehört, an ihr eigenes Leben zu denken.

Dann, eines Abends, wurde der Hofbesitzer auf sie aufmerksam. Er hieß Viktor und war einer der reichsten Männer der ganzen Gegend. Ihm gehörten riesige Felder, mehrere Wirtschaftsgebäude und etliche Häuser in der Stadt. Man sagte, er sei kalt und unnahbar und ließe niemanden an sich heran.

Deshalb war Anna überrascht, als er sie nach der Arbeit bat, einen Moment zu warten.

„Ich begleite dich nach Hause“, sagte er.

Auf dem Weg sprach er kaum ein Wort. Doch als sie vor Annas altem Haus ankamen, blieb er stehen.

Er schwieg lange, dann sprach er die Worte aus, die Anna niemals vergessen würde.

„Die Ärzte haben mir weniger als ein Jahr gegeben.“

Anna sah ihn fassungslos an.

„Ich bin schwer krank. Sie sagen, eine Behandlung sei zwecklos. Aber ich möchte nicht ohne Erben sterben.“

Anna dachte, das wäre das Ende des Gesprächs.

Das war es nicht.

„Heirate mich“, fuhr er fort. „Schenk mir ein Kind, und ich werde für deine Familie sorgen. Deine Mutter bekommt die beste medizinische Versorgung. Die Ausbildung deiner Brüder wird bezahlt. Ich kaufe dir ein neues Haus. Du wirst dir nie wieder Sorgen machen müssen, ob du dir Essen leisten kannst.“

Anna fühlte sich gedemütigt, schockiert und verzweifelt zugleich.

„Warum ich?“

Viktor sah sie an.

„Weil ich weiß, dass du alles für deine Familie tun würdest.“

Anna lehnte das Angebot ab.

Sie ging ihm einige Tage lang aus dem Weg. Sie redete sich ein, dass Geld kein Grund sei, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte.

Doch dann verschlechterte sich der Zustand ihrer Mutter plötzlich. Nach der Untersuchung sagte der Arzt, sie benötige eine sofortige Behandlung in der Stadt. Die Kosten waren für Anna unvorstellbar hoch.

Sie besaß nicht einmal einen Bruchteil der benötigten Summe.

Eine Woche später tauchte Viktor bei ihnen zu Hause auf.

Er legte einen Umschlag voller Geld auf den Tisch.

„Das ist für die Behandlung“, sagte er.

Anna starrte ihn ungläubig an.

„Du musst mich dafür nicht heiraten. Ich werde das Geld nicht zurückverlangen. Aber mein Angebot steht weiterhin.“

In diesem Moment begriff Anna, dass eine Ablehnung den Tod ihrer Mutter bedeuten könnte.

Schließlich willigte sie ein.

Sie tat es nicht aus Liebe.

Sie tat es, um ihre Familie zu retten.

Viktor hielt Wort. Ihre Mutter wurde in die Stadt gebracht, das Schulgeld für ihre Brüder wurde bezahlt, und am alten Haus begannen die Reparaturarbeiten.

Die Hochzeit fand im kleinen Kreis statt; es waren kaum Gäste anwesend.

Während der Zeremonie hatte Anna das Gefühl, das Leben einer anderen Person zu beobachten. Nach der Hochzeit zog sie in Viktors riesiges Haus.

Dort war alles anders.

Saubere Flure, teure Möbel, Dienstboten, ein großer Garten und Räume, die mehr Platz boten als ihr ganzes altes Haus.

Viktor behandelte sie anständig.

Er war nicht unhöflich. Er schrie nicht. Er zwang sie zu nichts.

Und genau das war es vielleicht, was Anna am meisten Angst machte.

Denn sie konnte sich nicht erklären, warum ein Mann wie er ausgerechnet sie ausgewählt hatte.

In der Nacht nach der Hochzeit lag sie neben ihm und fand keinen Schlaf.

Viktor schlief tief und fest.

Anna jedoch musste immer wieder an seine Worte denken.

Weniger als ein Jahr zu leben.

Ein Kind.

Familie. Geld.

Alles schien ihr zu einfach.

Kurz nach Mitternacht wachte Viktor auf.

Er stieg leise aus dem Bett, zog sich ein Hemd über und verließ das Schlafzimmer.

Anna blieb liegen.

Nach einigen Minuten hörte sie jedoch Stimmen aus dem Flur.

Sie wollte nicht lauschen.

Doch dann hörte sie ihren Namen.

Sie setzte sich im Bett auf.

Sie ging zur Tür und blieb direkt dahinter stehen.

„Sie darf nichts erfahren“, sagte eine männliche Stimme.

Anna erkannte Viktor.

Die andere Stimme gehörte seinem Anwalt.

„Und was, wenn sie etwas ahnt?“

Es folgten einige Sekunden des Schweigens.

„Dann muss alles schneller gehen.“

Anna zog sich der Magen zusammen.

„Und das Kind?“, fragte der Anwalt.

Viktor antwortete:

„Sobald sie schwanger ist, gibt es kein Zurück mehr.“

Anna hielt sich die Hand vor den Mund.

In diesem Moment begriff sie, dass ihr Mann ihr etwas Entscheidendes verschwiegen hatte.

Doch sie ahnte noch nicht, dass der schlimmste Teil des Gesprächs erst noch bevorstand.

Der Anwalt sprach erneut.

„Und sind Sie sicher, dass sie das verkraftet? Schließlich weiß sie absolut nichts von dem, was vor zehn Jahren geschehen ist.“

Anna erstarrte.

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