Die gefährlichste Insassin goss schmutziges Wasser vor ihre Füße. Sie hatte keine Ahnung, wen sie gerade gedemütigt hatte.

Als Vanessa einen ganzen Eimer Schmutzwasser auf den gerade gereinigten Teil des Gefängnishofs kippte, erwartete sie Angst, Tränen oder zumindest eine verzweifelte Entschuldigung.

Doch es geschah etwas völlig anderes.

Einige Sekunden lang starrte Emma einfach nur auf die Pfütze bei ihren Schuhen. Es war, als würde es im Gefängnis plötzlich totenstill. Die Frauen, die noch kurz zuvor in Gruppen lautstark geplaudert hatten, begannen, jede ihrer Bewegungen zu beobachten.

Vanessa verzog spöttisch den Mund.

„Hier ist eine Sauerei“, sagte sie. „Mach das weg.“

Ihre Freundinnen brachen in Gelächter aus.

Emma jedoch antwortete nicht.

Langsam stellte sie den Wischmopp auf den Boden.

Dann hob sie den Kopf und sah Vanessa zum ersten Mal, seit sie im Gefängnis war, direkt in die Augen.

Und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich.

Vanessa ahnte noch nicht, dass sie gerade den größten Fehler ihrer acht Jahre hinter Gittern begangen hatte.


Als Emma einige Tage zuvor ins Frauengefängnis gekommen war, hatte ihr niemand große Beachtung geschenkt.

Sie wirkte zu jung, um in einer solchen Umgebung Selbstsicherheit auszustrahlen. Sie war schlank und still, und meistens senkte sie den Blick zu Boden.

Sie suchte keinen Streit.

Sie versuchte nicht, sich mit den anderen anzufreunden.

Wenn eine Wärterin ihr sagte, wo sie stehen sollte, gehorchte sie. Wenn ihr eine Aufgabe zugewiesen wurde, erledigte sie diese. Wenn ihr jemand eine Frage stellte, antwortete sie knapp. Doch gerade ihre Zurückhaltung lenkte die Aufmerksamkeit der Person auf sie, die alle im Trakt am meisten fürchteten.

Vanessa.

Vanessa war eine große, imposante Frau mit Tätowierungen an Armen und Hals. Sie saß seit acht Jahren im Gefängnis und hatte sich in dieser Zeit eine Machtposition erarbeitet, die niemand anzuzweifeln wagte.

Sie war von einer Gruppe Frauen umgeben, die ihr bedingungslos gehorchten. Sie wusste, wer mit wem im Streit lag, wer Schulden hatte, wer Ärger mit einer Wärterin hatte und wer Angst verspürte.

Mit einem einzigen Blick konnte sie jedes Gespräch zum Verstummen bringen.

Neue Insassinnen waren für sie eine willkommene Abwechslung. Sie verspürte das Bedürfnis, jede Einzelne auf die Probe zu stellen.

Es ging nicht immer um körperliche Gewalt. Manchmal reichte es aus, jemanden vor den anderen zu demütigen. Ein anderes Mal nahm sie jemandem das Essen weg, beanspruchte dessen Platz für sich oder ließ eine ihrer Handlangerinnen etwas Unangenehmes mit der Betreffenden anstellen.

Sie musste eine Sache herausfinden.

Wer sich unterwerfen würde.

Und wer ihr womöglich die Stirn bieten würde.

Deshalb wurde Emma fast augenblicklich zu ihrem Ziel.

Am ersten Tag nahm Vanessa während der Mittagspause wortlos Emmas Nachtisch an sich.

Emma sah sie nur an und aß einfach weiter.

Am nächsten Tag stieß eine von Vanessas Handlangerinnen Emma auf dem Flur absichtlich so heftig zur Seite, dass sie mit der Schulter gegen die Wand prallte.

Selbst da sagte sie nichts.

„Hast du das gesehen?“, lachte Vanessa. „Sie hat Angst vor ihrem eigenen Schatten.“

Die anderen Frauen lachten mit.

Emma schwieg.

Das amüsierte Vanessa nur noch mehr.

Am dritten Tag bekam Emma die Aufgabe, einen Teil des Hofgangbereichs zu reinigen.

Es war ein heißer Nachmittag, und die Sonne hatte den Beton so stark aufgeheizt, dass er glühend heiß war. Einige der Gefangenen saßen im Schatten, andere liefen am Zaun auf und ab.

Emma nahm den Wischmopp, füllte den Eimer und machte sich an die Arbeit.

Sie arbeitete langsam und sorgfältig.

Vanessa beobachtete sie von einer Bank aus.

„Immer noch nichts?“, fragte eine ihrer Begleiterinnen.

„Noch nicht“, antwortete Vanessa.

„Vielleicht kann sie tatsächlich nichts tun.“

Vanessa lächelte.

„Das werden wir schon bald herausfinden.“

Als Emma fast die Hälfte des Hofes gereinigt hatte, stand Vanessa auf.

Sie ging zu dem Eimer mit dem Schmutzwasser hinüber.

Ihre Begleiterinnen wussten bereits, was gleich geschehen würde.

Vanessa packte den Eimer mit beiden Händen und kippte ihn ohne Eile um.

Das Schmutzwasser ergoss sich über die Fläche, die gerade erst gewischt worden war.

Die dunkle, trübe Flüssigkeit lief bis zu Emmas Schuhen.

Mehrere Frauen brachen in Gelächter aus.

Vanessa stellte den leeren Eimer auf den Boden.

„Hier ist eine Sauerei“, sagte sie. „Mach das sauber.“

Emma rührte sich nicht.

„Hast du mich gehört?“

Stille.

Vanessa trat einen Schritt näher. „Oder bist du plötzlich taub geworden?“

Emma blickte auf den nassen Boden.

Dann auf den Wischmopp.

Und schließlich zu Vanessa.

„Schon gut“, sagte sie leise.

Vanessa lachte.

„Siehst du? Du weißt, wie man zuhört.“

Doch diesmal hob Emma den Wischmopp nicht auf.

Stattdessen wandte sie sich an die anderen Gefangenen.

„Wer von euch hat gesehen, was sie getan hat?“

Das Lachen verstummte augenblicklich.

Vanessa runzelte die Stirn.

„Was?“

Emma drehte sich wieder um.

„Ich frage, wer es gesehen hat.“

Niemand antwortete. Einige der Frauen senkten den Blick.

Vanessa machte einen weiteren Schritt auf sie zu.

„Du glaubst, du kannst hier Fragen stellen?“

Emma lächelte.

Es war das allererste Lächeln, das irgendjemand je auf ihrem Gesicht gesehen hatte.

„Nein.“

Eine kurze Pause.

„Ich kenne die Antwort bereits.“

Vanessa stockte.

„Und die wäre?“

Emma blickte hinüber zum Gefängnisgebäude.

„Dass hier schon lange niemand mehr die Wahrheit gesagt hat.“

Diesmal lächelte keine von Vanessas Begleiterinnen.

Emma bückte sich, hob den Wischmopp auf und begann, das Schmutzwasser aufzuwischen.

Vanessa wandte sich zufrieden ab.

Sie glaubte, gewonnen zu haben.

Doch sie ahnte nicht, dass genau das Emmas Absicht gewesen war.

Sie brauchte Vanessa, damit diese so weitermachte.

Sie brauchte es, dass Vanessa sich sicher fühlte.

Und vor allem brauchte sie es, dass Vanessa vor Zeugen einen Fehler beging.


Spät am Abend saß Emma auf dem Bett in ihrer Zelle.

Sie holte einen kleinen, zusammengefalteten Zettel aus der Tasche ihrer Gefängnisuniform.

Es war kein Brief.

Er enthielt eine Liste mit Namen.

Neben einigen standen Zahlen.

Bei anderen waren kurze Notizen vermerkt.

Emma studierte die Liste lange.

Dann fügte sie einen weiteren Namen hinzu.

Vanessa.

Daneben schrieb sie:

„Verhält sich genau wie erwartet.“

Sie faltete das Papier wieder zusammen.

Schließlich war Emma nicht ins Gefängnis gekommen, nur um …

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