Doch niemand wusste, warum die kleine Prinzessin so leben musste.
Als Elina sechs Jahre alt war, geschah im Königspalast etwas, worüber jahrzehntelang geflüstert wurde. An einem kalten Morgen rief der König die besten Schmiede und Zimmerleute des ganzen Reiches zusammen. Keiner von ihnen wusste, was sie anfertigen sollten. Sie erhielten nur strenge Anweisungen und durften keine Fragen stellen.
Mehrere Tage lang arbeiteten sie hinter verschlossenen Türen.
Schließlich entstand ein seltsames Gebilde. Es bestand halb aus Holz, halb aus Eisen. Es ähnelte einem Helm, war aber viel größer und schwerer. Es bedeckte den gesamten Kopf und war an den Seiten mit mehreren Metallverstärkungen versehen. Nur zwei schmale Schlitze blieben für die Augen und eine kleine Öffnung für den Mund, damit die Prinzessin essen und trinken konnte.
Hinten war ein massives Schloss.
An jenem Abend betrat der König selbst das Zimmer seiner Tochter. Zuerst lächelte Elina ihn an, weil sie dachte, er brächte ihr ein neues Spielzeug. Doch bald merkte sie, dass diesmal alles anders war.
Der König setzte ihr den Helm auf.
Dann schloss er ihn ab.
Er hängte den Schlüssel an eine Kette um seinen Hals.
„Vater, warum?“, fragte das verängstigte Mädchen.
Der König antwortete ihr nicht.
Nur die Königin kannte die Wahrheit. Doch einige Monate später erkrankte sie schwer. Bevor sie ihrer Tochter oder irgendjemand anderem erklären konnte, warum der König diese schreckliche Entscheidung getroffen hatte, starb sie.
Und mit ihr starb das Geheimnis.
Von diesem Moment an durfte Elina ihren Helm nie mehr abnehmen.
Jahre vergingen, und aus dem kleinen Mädchen wurde eine junge Frau. Doch niemand im Palast wusste, wie sie wirklich aussah.
Hinter verschlossenen Türen begannen Gerüchte zu kursieren.
Manche behaupteten, die Prinzessin sei mit einer schweren Missbildung geboren und der König schäme sich ihrer. Andere glaubten, ein uralter Fluch laste auf ihrem Gesicht. Einige behaupteten sogar, der König habe eines Tages etwas so Furchterregendes in ihrem Antlitz gesehen, dass er ihre Gestalt für immer verbergen ließ.
Doch niemand kannte die Wahrheit.
Die Diener mieden Elina. Sobald sie den Korridor entlangging, verstummten die Gespräche augenblicklich. Niemand sah ihr direkt in die Augen, denn alle fürchteten, ein einziger Blick könnte sie ihre Arbeit oder gar ihr Leben kosten.
Elina zog sich immer mehr in sich selbst zurück.
Sie verließ ihre Gemächer nur selten. Sie hatte keine Freunde und sprach kaum. Der einzige Ort, an dem sie sich frei fühlte, war der alte Saal mit dem Klavier.
Oft ging sie spät abends dorthin.
Sie setzte sich ans Klavier und spielte.
Ihre Musik hallte durch den leeren Palast, und die Leute, die sie auf den Korridoren hörten, sagten, ihre Melodien seien unendlich traurig. Es war, als drücke das Mädchen durch die Musik alles aus, was sie nicht in Worte fassen konnte.
Der König wurde unterdessen immer älter.
Mehrmals versuchte jemand herauszufinden, was sich unter dem Helm verbarg. Ein Schmied versuchte heimlich, einen Schlüssel nachzumachen. Der König erfuhr davon, und der Mann wurde umgehend aus dem Land verbannt.
Ein anderer Diener versuchte einmal, den Helm nachts zu heben, als die Prinzessin in einem Sessel am Kamin eingeschlafen war. Am nächsten Tag war er nicht mehr im Palast.
Nach diesen Ereignissen stellten alle keine Fragen mehr.
Der König wiederholte nur noch denselben Satz:
„Ich werde ihr den Helm am Tag ihrer Hochzeit abnehmen.“
Doch kein Bräutigam kam.
Die Prinzen der umliegenden Königreiche hatten von Elina gehört. Einige kamen zum Palast, doch sobald sie erkannten, dass sie das Gesicht der Braut vor der Hochzeit nie sehen würden, gingen sie sofort wieder.
Andere verspotteten offen die Idee, eine Frau zu heiraten, deren Aussehen sie nicht kannten.
Der König fürchtete sich immer mehr um die Zukunft. Elina war sein einziges Kind und seine einzige Thronerbin.
Eines Tages erschien ein junger Prinz namens Richard vor den Toren des Königreichs.
Er war nicht reich. Sein Vater hatte ein kleines, armes Gebiet mit nur wenigen Städten regiert. Richard besaß weder ein großes Heer noch gewaltige Schätze.
Als er von der Prinzessin mit dem eisernen Helm hörte, ging er nicht fort.
Im Gegenteil, er bat darum, den König zu sprechen.
„Ich möchte Eure Tochter heiraten“, sagte er.
Der König sah ihn lange an.

„Ihr wisst nicht einmal, wie sie aussieht.“
Richard lächelte.
„Das stimmt.“
„Und dennoch wollt Ihr sie?“
„Ich will nicht ihr Gesicht heiraten. Ich will den Mann kennenlernen, der sein ganzes Leben hinter diesem Helm verbracht hat.“
Die Nachricht verbreitete sich innerhalb weniger Stunden im ganzen Königreich.
Die Leute glaubten es nicht.
Manche behaupteten, Richard wolle den Thron. Andere waren überzeugt, er sei verrückt. Manche erwarteten sogar, er würde während der Zeremonie fliehen, sobald er das Gesicht der Prinzessin erblickte.
Die Hochzeit war für den ersten Frühlingstag angesetzt.
Die Kathedrale war überfüllt. Adelige, Soldaten, Händler und Bürgerliche waren gekommen. Doch niemand war nur zur Hochzeit gekommen.
Alle warteten auf einen einzigen Augenblick.
Darauf, dass der Helm entriegelt würde.
Als sich die gewaltigen Tore der Kathedrale öffneten, herrschte Stille im Saal.
Elina trat an der Seite ihres Vaters ein.
Sie trug ein wunderschönes weißes Kleid, dessen silberne Stickereien im Schein hunderter Kerzen schimmerten. Alles an ihr wirkte wie das einer echten Prinzessin.
Nur ihr Kopf war noch immer unter dem schweren Eisenhelm verborgen.
Richard betrachtete sie.
Und obwohl er nervös war, wich er nicht zurück.
Die Zeremonie begann.
Der Priester sprach die ersten Worte. Dann weitere.
Schließlich wandte er sich dem König zu.
„Die Zeit ist gekommen.“
Der alte Mann