Mehrere Wochen waren vergangen, seit Margaret für immer die Augen geschlossen hatte. Sie war eine stille, gütige Frau gewesen, die ihr ganzes Leben in einem kleinen Haus am Stadtrand verbracht hatte, umgeben von Blumen, Büchern und Tieren. Ihr Tod war still, genau wie ihr Leben. Sie war morgens eingeschlafen und nie wieder aufgewacht. Die Ärzte sagten, es sei Herzversagen gewesen, schnell und schmerzlos. David, ihr Mann, musste damit leben. Er musste den leeren Platz am Frühstückstisch akzeptieren, die Stille, die nach ihrer Stimme im Haus zurückgeblieben war, das Kissen, das nun nur noch nach ihr roch, und immer weniger.
Alles, was ihm blieb, war Oscar. Ein alter Kater mit rostbraunem Fell und grünen Augen, der sich an mehr erinnerte, als irgendjemand für möglich gehalten hätte. Oscar war Margarets Schatten. Wo immer sie war, war er auch. Wenn sie im Garten strickte, lag er ihr zu Füßen. Wenn sie im Sessel las, schlief er auf ihrem Schoß. Wenn sie kochte, saß er an der Küchentür und beobachtete sie mit unerschütterlicher Hingabe. Sie waren unzertrennlich, ihre Bindung ging weit über gewöhnliche Mensch-Tier-Beziehungen hinaus. Da war noch etwas Tieferes, etwas, das David nie ganz verstand, aber immer respektierte.
Nach Margarets Tod veränderte sich Oscar. Er hörte auf zu fressen. Er miaute nicht mehr. Er kletterte nicht mehr an seine Lieblingsplätze in der Sonne. Er lag nur noch auf ihrem Kissen und starrte ins Leere. David versuchte ihn zu trösten, brachte ihm seine Lieblingsleckerlis, streichelte ihn, sprach mit ihm. Aber Oscar schien nicht mehr zu existieren. Sein Körper war im Haus, aber seine Seele war fort und irrte irgendwo anders umher.
Und dann begann es.
In der ersten Nacht nach der Beerdigung wurde David vom Geräusch einer sich öffnenden Tür geweckt. Es war ein leises, vorsichtiges Quietschen, aber in der Stille der Nacht klang es wie ein Schuss. Er stand auf und ging nachsehen. Die Gartentür war angelehnt. Oscar war fort. David fand die Katze erst am nächsten Morgen, als er zum Friedhof spazierte, wo Margaret begraben lag. Oscar saß an ihrem Grab, grub seine Krallen in die Erde und grub sie aus dem Sarg.
David dachte, es sei nur vorübergehend. Die Katze trauerte, sie müsse sich erst daran gewöhnen. Er nahm Oscar mit nach Hause, fütterte und streichelte ihn. Doch in der nächsten Nacht geschah es wieder. Und in der darauffolgenden. Und in der nächsten. Jede Nacht, egal bei welchem Wetter, egal wie sorgfältig er Türen und Fenster schloss, fand Oscar einen Weg hinaus. Er war wie ein Geist, ungreifbar und unnachgiebig. Er kehrte stets im Morgengrauen zurück, mit Schlamm bedeckt, die Pfoten von den Steinen aufgeschürft, die Augen müde, aber mit unerschütterlicher Entschlossenheit.
Die Friedhofsarbeiter begannen anzurufen. Zuerst höflich, dann zunehmend genervt. „Herr David, Ihre Katze zerstört schon wieder das Grab. Sie buddelt Erde neben dem Grabstein auf. Wir mussten das jetzt schon dreimal reparieren. Die Leute beschweren sich, dass es respektlos aussieht.“ David entschuldigte sich und versprach, es zu reparieren. Er wechselte die Schlösser aus, ließ stabilere Türen einbauen und bat sogar die Nachbarn, ein Auge darauf zu haben. Nichts half. Oscar war wie besessen. Jede Nacht kehrte er an dieselbe Stelle zurück und buddelte und buddelte, als suche er etwas, das er unter der Erde verloren hatte.
David war verzweifelt. Er bekam Albträume. Er sah Margaret, die ihn vom Grab aus rief und ihm sagte, Oscar wisse etwas, was er nicht wusste. Er wachte schweißgebadet auf, sein Herz raste, und sein einziger Gedanke war: Warum? Warum tut die Katze das? Wonach sucht sie da unten?

Er beschloss, einen Experten zu konsultieren. Er fand einen Tierarzt, der auf Tierverhalten spezialisiert war, einen Mann mit sanfter Stimme und durchdringenden Augen, der schon viele seltsame Fälle gesehen hatte. David erzählte ihm die ganze Geschichte. Über Margaret, über Oscar, über die nächtlichen Ausbrüche, über das endlose Graben am Grab. Der Experte hörte aufmerksam zu, schloss dann kurz die Augen und dachte nach.
„Katzen sind sensible Geschöpfe“, sagte er schließlich. „Sie haben Sinne, die wir Menschen verloren haben. Sie können Dinge spüren, die für uns unerreichbar sind. Manchmal spüren sie sogar, was unter der Erde ist.“
David starrte ihn an. „Was meinen Sie? Glauben Sie, Oscar kann etwas unter der Erde spüren? Aber was könnte da sein? Es ist ein Friedhof. Unter der Erde ist nur ein Sarg und … und Margaret.“
Der Experte zuckte mit den Achseln. „Ich kann Ihnen nicht sagen, was da drin ist. Aber Tiere reagieren oft auf Dinge, die wir nicht sehen können. Vielleicht nimmt Oscar einen Geruch wahr, ein Signal, das ihn zum Graben bringt. Vielleicht geschieht dort etwas, das unser Verständnis übersteigt.“
David verließ sein Büro mit schwerem Kopf. Der Gedanke, dass da unten etwas sein könnte, das Oscar anzog, ließ ihn nicht los. Er begann, sich an die Details zu erinnern. Wie oft hatte Margaret in den letzten Wochen von ihrer Kindheit, ihren Eltern und Dingen, die ihr am Herzen lagen, erzählt. Einmal hatte sie ein kleines Metallkästchen erwähnt, das ihr ihre Großmutter geschenkt hatte. Er hatte es nie gesehen. Sie hatte nie wieder davon gesprochen. Es war nur eine beiläufige Bemerkung gewesen, die er damals übersehen hatte. Doch jetzt fiel es ihm mit unglaublicher Klarheit wieder ein.
Und dann erinnerte er sich noch an etwas. Margaret hatte sich immer gewünscht, in einem schlichten Sarg beerdigt zu werden,