Der Ehemann wollte seine Frau im Wald zurücklassen. Da versperrte ihm ein riesiger Wolf den Weg.

Nachts sieht der Wald anders aus. Tagsüber ist er ein Ort voller Leben, Vogelgezwitscher und Licht, das durch die Baumkronen dringt. Nachts ist er eine andere Welt. Eine Welt der Schatten, die sich bewegen, selbst wenn kein Wind weht. Eine Welt der Geräusche ohne Ursprung. Eine Welt, in der man aufhört, sich als Schöpfer zu fühlen, und beginnt zu begreifen, dass man nur ein kleines, verletzliches Wesen ist, das sich in ein fremdes Reich verirrt hat.

Alex hasste dieses Reich. Aber seine Frau hasste er noch mehr.

Die letzten Monate waren die Hölle gewesen. Jeden Morgen, wenn er die Augen öffnete und Victoria neben sich sah, spürte er nur Leere. Einst hatte er sie geliebt. Einst hatte er geglaubt, sie sei die Richtige. Doch dann kam Helena. Jüngere. Schönere. Unbeschwertere. Und plötzlich war Victoria, die ihm zehn Jahre lang treu gewesen war, nur noch ein Hindernis. Ein Hindernis auf dem Weg zu neuem Glück. Das Hindernis auf seinem Weg zum Reichtum war, dass er nichts verlieren wollte. Eine Scheidung würde ihn die Hälfte seines Vermögens kosten. Und Alex war nicht der Typ, der teilte.

Also schmiedete er einen Plan.

Es war ein einfacher Plan. Erschreckend einfach. Er wollte Victoria in die Wälder bringen, fernab der Zivilisation, sie dort zurücklassen und behaupten, sie sei verschwunden. Dass sie sich verirrt hatte. Dass sie allein losgezogen war. Wer würde ihm das nicht glauben? Er war ein liebender Ehemann, der verzweifelt nach seiner Frau suchte. Niemand würde erfahren, dass er es war, der sie zum Tode verurteilt hatte.

An diesem Abend bot er ihr einen Ausflug an. Victoria war begeistert. Sie hätten in letzter Zeit nicht viel Zeit miteinander verbracht, sagte er. Er wolle das nachholen. Er wolle einen romantischen Abend mit ihr außerhalb der Stadt verbringen. Victoria lächelte. Sie glaubte ihm. Warum auch nicht? Er war ihr Ehemann. Der Mann, dem sie ewige Liebe versprochen hatte. Sie hätte sich nie vorstellen können, dass dieses Versprechen so viel schneller in Erfüllung gehen würde, als sie erwartet hatte.

Unterwegs bot er ihr etwas zu trinken an. Es war heißer Tee aus einer Thermoskanne. Victoria nahm ihn dankbar an. Ihr war kalt. Alex sah ihm beim Trinken zu. Sein Herz klopfte schneller, aber nicht vor Nervosität. Es war Aufregung. In wenigen Stunden würde er frei sein. In wenigen Stunden würde sein neues Leben beginnen.

Die Droge wirkte schnell. Zuerst lächelte Victoria, als wäre sie betrunken. Dann wurden ihre Augenlider schwer. Dann lehnte ihr Kopf gegen die Scheibe. Dann schlief sie. Unruhig. Tief. Als hätte jemand sie ausgeschaltet.

Alex bog von der Hauptstraße ab. Die Straße war schmal und voller Schlaglöcher. Die Waldwände rückten näher. Die Bäume waren alt und hochgewachsen, ihre Äste spannten sich über dem Auto wie das Dach einer Kathedrale. Alles war mit Schnee bedeckt. Es war eine kalte Winternacht. Der Mond war hinter Wolken verborgen. Die Dunkelheit war fast absolut.

Er hielt an. Er stieg aus. Die kalte Luft streichelte sein Gesicht. Sie war erfrischend. Er fühlte sich lebendig. Er fühlte sich stark. Er öffnete die Beifahrertür, zog Victoria aus dem Auto und warf sie sich über die Schulter. Sie war leichter, als er sie in Erinnerung hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie in letzter Zeit nichts gegessen hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie abgenommen hatte, weil ihr Mann schon lange nicht mehr mit ihr gegessen hatte.

Er versank im Wald.

Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Jeder Schritt war laut, als wollte er jemanden rufen, der ihn aufhalten sollte. Aber niemand kam. Der Wald war leer. Der Wald war tot. Der Wald war sein Verbündeter.

Er ging. Und ging. Und ging. Er wollte so weit wie möglich von der Straße entfernt sein. Er wollte, dass Victoria, falls sie aufwachte, keine Chance hatte, den Weg zurückzufinden. Er wollte, dass man sie im Frühling fand, wenn der Schnee schmolz. Falls man sie überhaupt jemals finden würde.

Da sah er vor sich eine alte Eiche. Sie war riesig, ihr Stamm mehrere Meter im Durchmesser. Sie wirkte wie der Wächter des Waldes. Wie ein Zeuge, der Dinge gesehen hatte, von denen die Menschen nicht einmal träumen. Alex lächelte. Hier ist der richtige Ort, dachte er. Niemand würde sie hier finden.

Er wollte Victoria gerade in den Schnee legen. Er spürte, wie sich sein Griff lockerte. Er sah, wie sie sich umdrehte und wegging. Er hörte das Motorengeräusch, das ihn zurück in die Wärme, zu Helena, in ein neues Leben brachte.

Dann hörte er ein Rascheln.

Zuerst dachte er, es sei der Wind. Aber so raschelt der Wind nicht. Der Wind raschelt nicht von einem Punkt aus. Der Wind raschelt nicht, als stünde jemand ein paar Meter entfernt und beobachtete ihn.

Er hob den Kopf.

Ein riesiger Wolf stand zwischen den Bäumen.

Er war größer als jeder Wolf, den er je in seinem Leben gesehen hatte. Sein Fell war grau, stellenweise fast weiß. Seine Augen waren gelb und leuchteten in der Dunkelheit wie zwei Winkel. Sein Kiefer war kräftig. Seine Zähne waren lang. Er stand da, regungslos, und sah Alex direkt an.

Alex erstarrte.

Sein erster Impuls war zu fliehen. Doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Er stand wie angewurzelt da, Victoria noch immer in seinen Armen, und starrte in die gelben Augen, die ihn durchbohrten.

Der Wolf machte einen Schritt nach vorn. Dann noch einen. Und noch einen.

Alex wich zurück. Langsam. Vorsichtig. Sein Herz hämmerte so heftig, dass er dachte, es würde ihm aus der Brust springen. Kalter Schweiß rann ihm den Rücken hinunter. Die Hände, die Victoria eben noch fest umklammert hatten, begannen zu zittern.

Und dann geschah etwas, womit Alex nicht gerechnet hatte. Der Wolf griff nicht an. Er fletschte nicht die Zähne. Er knurrte nicht. Stattdessen wandte er den Kopf zur Straße, als wollte er ihm den Weg weisen. Dann sah er Alex wieder an. Und dann senkte er die Schnauze zum Boden. Zum Schnee. Zu Victoria.

Alex verstand es nicht. Was wollte das Tier? Warum griff es nicht an? Warum?

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