Der Fuß auf der Armlehne

Fast ein Jahr lang hatte ich auf diesen Tag gewartet. Meine Eltern lebten an der anderen Küste, und zwischen Arbeitsterminen und dem alltäglichen Chaos hatte ich sie nicht besuchen können. Zwölf Monate voller Telefonate und Videoanrufe und dieser Sehnsucht, die einem wie ein leichtes Fieber in die Knochen kriecht. Endlich saß ich im Flugzeug, um sie zu sehen. Fünf Stunden in der Luft. Fünf Stunden, um die Augen zu schließen, dem Summen der Triebwerke zu lauschen und die Anspannung des Alltags von mir abfallen zu lassen.

Das war der Plan. Doch der Plan scheiterte an der Begegnung mit der Passagierin hinter mir.

Der Flug war ausgebucht. Alle Plätze besetzt. Ich hatte einen Fensterplatz in der Economy Class, nicht ideal, aber akzeptabel. Der Mittelplatz neben mir war von einer stillen Frau besetzt, die sich sofort Kopfhörer aufsetzte und die Augen schloss. Der Gangplatz war zunächst leer. Ich erlaubte mir einen kurzen Moment der Hoffnung. Vielleicht würde er leer bleiben. Vielleicht würde mir das Universum diese kleine Gnade gewähren.

Kein Glück. Kurz bevor sich die Türen schlossen, tauchte ein junger Mann im Gang auf. Er war vielleicht zweiundzwanzig. Seine Kleidung war zerknittert, sein Haar ungekämmt. Er hatte kein Gepäck dabei, nur einen kleinen Rucksack, den er mit einem Grunzen unter den Vordersitz schob. Ohne mich oder die Frau neben mir anzusehen, ließ er sich auf den Gangplatz fallen. Er nickte nicht. Er lächelte nicht. Er schenkte mir nicht die übliche Begrüßung, die zwei Fremde, die fünf Stunden lang auf engstem Raum zusammensitzen, normalerweise austauschen.

Ich redete mir ein, es spiele keine Rolle. Er war jung. Vielleicht hatte er Flugangst. Vielleicht erwarteten ihn schlechte Nachrichten an seinem Zielort. Ich beschloss, ihm wohlwollend zu begegnen. Ich würde ihn weder nach seinem Aussehen noch nach seinen Manieren beurteilen. Ich würde ruhig dasitzen, mein Buch lesen und ihn in Ruhe lassen.

Wir hoben ab. Das Flugzeug stieg durch die Wolken und erreichte Reiseflughöhe. Das Anschnallzeichen erlosch. Die Passagiere um mich herum wurden unruhig, griffen nach ihren Taschen, rückten ihre Kissen zurecht und holten Laptops und Tablets heraus. Ich schlug mein Buch auf und atmete tief durch. Endlich! Fünf Stunden Ruhe.

Dann roch ich es.

Zuerst dachte ich, es käme aus der Bordküche. Manchmal verströmen die Speisewagen seltsame Gerüche. Manchmal öffnet ein Passagier einen besonders stark riechenden Snack. Ich ignorierte es und las weiter. Doch der Geruch blieb. Er wurde stärker. Er wurde genauer. Es war kein Essen. Es war kein Snack. Es war etwas Organisches. Etwas Warmes. Etwas, das zu lange in einem Schuh gefangen gewesen war und nun in die Druckluft der Kabine entwich.

Ich blickte nach unten.

Da war ein Fuß auf der Armlehne. Nicht die Armlehne zwischen dem Gangplatz und dem Mittelsitz. Meine Armlehne. Die, die an meinem Sitz befestigt war. Meine eigene. Ein nackter Fuß. Blass. Ungewaschen. Mit Zehen, die aussahen, als hätten sie seit Wochen keine Nagelschere mehr gesehen. Der Fuß gehörte zu einem Bein, und das Bein gehörte zu dem jungen Mann auf dem Gangplatz. Er hatte irgendwann während des Starts Schuh und Socke ausgezogen und seinen Fuß lässig auf den schmalen Plastikstreifen gelegt, der eigentlich für meinen Ellbogen gedacht war.

Ich starrte auf den Fuß. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Es war, als würde ich Zeuge eines kleinen Verbrechens. Keines Gewaltverbrechens. Ein Verstoß gegen die guten Sitten. Ein Bruch des ungeschriebenen Gesetzes, das öffentliche Plätze für alle erträglich macht.

Die Frau auf dem Mittelplatz hatte die Augen geschlossen. Ihre Kopfhörer waren noch auf. Sie hatte nichts bemerkt. Ich war allein damit.

Ich holte tief Luft. Ich erinnerte mich daran, dass der junge Mann vielleicht gar nicht merkte, was er tat. Vielleicht war er erschöpft. Vielleicht war er schon tagelang unterwegs. Vielleicht verstand er wirklich nicht, dass sein nackter, etwas streng riechender Fuß auf der Armlehne eines Fremden lag. Ich beschloss, ihm zu vertrauen. Ich drehte mich leicht um und sprach mit leiser, ruhiger Stimme:

Entschuldigen Sie. Würden Sie bitte Ihren Fuß wegnehmen?

Er reagierte nicht sofort. Er schaute auf sein Handy und scrollte mit dem Daumen durch etwas. Ich wartete. Zehn Sekunden. Zwanzig. Ich sprach ihn erneut an.

Entschuldigen Sie. Ihr Fuß. Er liegt auf meiner Armlehne. Könnten Sie ihn bitte wegnehmen?

Er sah auf. Er sah mich an. Er sah auf seinen Fuß. Er sah mich wieder an. Dann tat er etwas, das mir die Kinnlade herunterzog. Er zuckte mit den Achseln. Nicht entschuldigend. Nicht verlegen. Sondern gleichgültig.

„So ist es bequem“, sagte er.

Ich starrte ihn an. Ich wartete darauf, dass er etwas hinzufügte. Einen Witz. Eine Erklärung. Ein Eingeständnis, dass er sich unvernünftig verhielt. Er sagte nichts. Er wandte sich wieder seinem Handy zu.

Ich sprach erneut, meine Stimme ruhig. „Das ist meine Armlehne. Sie ist an meinem Sitz befestigt. Sie haben Ihre eigene Armlehne auf der anderen Seite. Bitte benutzen Sie diese.“

Er lachte. Ein kurzes, abweisendes Lachen. Dann zuckte er wieder mit den Achseln.

„Dann bewegen Sie sich“, sagte er. „Ich bewege mich nicht.“

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