Taucher stiegen in das eiskalte Wasser unterhalb des Wasserfalls hinab. Drohnen suchten die Felsen ab. Journalisten drängten sich am Ort des Geschehens, während lokale Fernsehsender stündlich dieselbe tragische Schlagzeile wiederholten:
Der prominente Geschäftsmann Daniel Mercer stirbt bei einem tragischen Unfall nahe der Black Ridge Falls.
Seine Frau Elena weinte gefasst vor laufenden Kameras.
Ihr Lebensgefährte Victor gab bei der Polizei eine Aussage ab, in der er den schrecklichen Moment schilderte, als der Rollstuhl angeblich nahe der Klippenkante außer Kontrolle geriet. Alles wirkte glaubwürdig. Die nassen Steine. Das gefährliche Gelände. Die trauernde Witwe.
Die Behörden sprachen von einem schrecklichen Unfall.
Fall abgeschlossen.
Drei Wochen später erbte Elena offiziell alles.
Die Villa.
Die Anlagekonten.
Die Firmenanteile.
Luxusautos, Immobilien, Offshore-Konten – alles ging fast über Nacht in ihren Besitz über.
Zunächst feierten sie und Victor zurückhaltend. Sie vermieden gemeinsame öffentliche Auftritte und warteten, bis das Medieninteresse nachließ. Doch im Privaten sprachen sie bereits über Urlaube, neue Häuser und ihre gemeinsame Zukunft.
Victor scherzte oft darüber, wie einfach alles gewesen war.
„Er hat den Tod praktisch selbst akzeptiert“, lachte er eines Abends, während er Champagner einschenkte.
Elena zwang sich ebenfalls zum Lachen.
Doch tief in ihrem Inneren beunruhigte sie etwas.
Nicht Schuldgefühle.
Angst.
Denn Daniels letzter Gesichtsausdruck wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen.
Er hatte nicht überrascht ausgesehen.
Er hatte enttäuscht ausgesehen.
Als ob er schon genau wüsste, wer sie waren.
Einen Monat nach der Beerdigung begannen seltsame Dinge in der Villa zu geschehen.
Zuerst schien es harmlos.
Ein Rollstuhl stand plötzlich im Flur, obwohl er nach Daniels Tod entfernt worden war.
Victor gab dem Personal die Schuld.
Dann hörte Elena nachts Geräusche.
Langsame Räder rollten über den Holzboden.
Zuerst nahm sie an, der Stress beeinflusse ihre Psyche. Doch eines Nachts wachte sie auf und sah die Bürotür unten einen Spalt offen stehen.
Drinnen brannte Licht.
Zögernd ging Victor nachsehen.
Minuten später kam er blass zurück.
„Was ist passiert?“, flüsterte Elena.
„Der Computer“, antwortete er leise.
„Was ist damit?“
„Er hat sich von selbst eingeschaltet.“
Elena starrte ihn an.
„Das ist doch nicht dein Ernst.“
Keiner von beiden schlief in dieser Nacht.
Am nächsten Morgen entdeckten sie etwas noch Schlimmeres.
Daniels privates E-Mail-Konto hatte um genau 3:14 Uhr eine Nachricht gesendet.
An den Vorstand.
Die Betreffzeile enthielt nur vier Wörter:
„Ich weiß, was passiert ist.“
Sofort brach Panik aus.
Victor war überzeugt, dass jemand das System gehackt hatte.

Doch Elena wusste etwas Furchterregendes.
Niemand außer Daniel kannte das Passwort für dieses Konto.
Die Vorstandsmitglieder kontaktierten umgehend Anwälte und Cybersicherheitsexperten. Gerüchte verbreiteten sich rasend schnell im Unternehmen. Einige Mitarbeiter flüsterten sogar, Daniel könnte den Sturz überlebt haben.
Victor geriet in Wut.
„Das ist unmöglich!“, schnauzte er immer wieder.
Doch die seltsamen Vorfälle rissen nicht ab.
Überwachungskameras funktionierten ausgerechnet in der Nähe von Daniels altem Büro nicht.
Seine Sprachaufnahmen wurden plötzlich ohne Erklärung über Smart Speaker abgespielt.
Eine Angestellte kündigte sogar, nachdem sie behauptet hatte, nachts einen Mann im Rollstuhl durch den Garten fahren gesehen zu haben.
Elena begann exzessiv zu trinken, nur um schlafen zu können.
Victor wurde immer paranoider.
Dann kam das Paket.
Kein Absender.
Darin befand sich ein kleiner, wasserdichter Metallgegenstand mit Kratzern.
Elena erstarrte, als sie ihn erkannte.
Eines der abgebrochenen Seitenteile des Rollstuhls.
Daran befestigt war eine handgeschriebene Notiz.
„Du hättest nach unten schauen sollen.“
Victor wollte sofort die Polizei rufen.
Doch Elena hielt ihn davon ab.
Denn sie verstand etwas, was er nicht verstand.
Wenn Daniel tatsächlich irgendwie überlebt hatte … dann würde der Gang zu den Behörden sie zerstören.
Zum ersten Mal seit dem Mordversuch hielt echte Angst Einzug in ihr Leben.
Nicht Angst vor dem Gefängnis.
Angst vor Daniel selbst.
Drei Tage später verschwand Victor.
Er verließ die Villa spät in der Nacht, nachdem er eine anonyme SMS erhalten hatte, in der er aufgefordert wurde, allein zu einem verlassenen Lagerhaus in Hafennähe zu kommen.
Er kehrte nie zurück.
Die Polizei fand sein Auto am nächsten Morgen.
Leer.
Keine Kampfspuren.
Keine Leiche.
Nichts.
Elena wäre beinahe zusammengebrochen.
Jetzt war sie sich sicher.
Daniel lebte.
Und er jagte sie.
Die Angst lähmte sie völlig. Sie verließ die Villa nicht mehr allein. Die Vorhänge blieben Tag und Nacht zugezogen. Sie engagierte einen Sicherheitsdienst, installierte Alarmanlagen, änderte ständig die Passwörter und schlief kaum noch.
Aber nichts davon half.
Denn wer auch immer sie quälte, war ihr immer einen Schritt voraus.
Dann, genau zwei Monate nach Daniels „Tod“, kam die letzte Nachricht.
Ein einzelner Umschlag, direkt auf ihrem Kopfkissen im Schlafzimmer, trotz verschlossener Türen und bewaffneter Wachen im Erdgeschoss.
Darin befand sich ein USB-Stick.
Mit zitternden Händen steckte Elena ihn in ihren Laptop.
Ein Video öffnete sich.
Die Aufnahmen stammten von einer versteckten Kamera, die die Klippe nahe des Wasserfalls überblickte.
Elena hielt den Atem an.