Die Nacht über dem Pierus-Fluss war lang und unmenschlich still.

Nur gelegentlich wurde sie vom Plätschern des Wassers oder dem tiefen Knurren der Krokodile unterbrochen, die wie Schatten unter Maria kreisten und auf einen einzigen Fehler lauerten. Das Seil schnitt so tief in ihre Handgelenke, dass sie ihre Finger nicht mehr spürte. Ihre Schultern waren steif vor Schmerz, und ihr ganzer Körper zitterte vor Erschöpfung.

Mehrmals dachte sie, sie würde ohnmächtig werden.

Doch jedes Mal wurde sie vom Geräusch von Kiefern direkt unter ihren Füßen geweckt.

Die Stunden vergingen langsam. Der Himmel verdunkelte sich vollständig, und der Fluss verwandelte sich in einen schwarzen Abgrund. Maria hatte kaum noch Kraft zum Schreien. Ihre Stimme wurde heiser, ihre Lippen rissig vor Durst und Angst.

Und dann änderte sich etwas.

Zuerst dachte sie, sie verliere den Verstand.

Plötzlich hörten die Krokodile auf anzugreifen.

Das Wasser unter ihr beruhigte sich. Die Tiere, die eben noch ins Wasser gestürzt waren, entfernten sich langsam vom Ufer.

Maria versuchte, in der Dunkelheit zu fokussieren.

Und dann sah sie ihn.

Auf der anderen Flussseite stand jemand regungslos zwischen den Bäumen.

Eine große Gestalt mit einer Laterne.

Sie beobachtete sie regungslos.

Eine neue Angst durchfuhr Maria.

„Wer ist da?“, flüsterte sie heiser.

Die Gestalt rührte sich nicht.

Sie hob die Laterne nur langsam höher.

Und die Krokodile zogen sich noch weiter zurück.

Maria spürte einen Schauer über den Rücken laufen. Im Dorf gab es alte Geschichten über Menschen, die schon vor der Gründung der Siedlung am Fluss gelebt hatten. Die Alten erzählten, der Fluss vergesse nichts von der Grausamkeit und kehre in manchen Nächten zurück, was die Menschen in ihn hineingeworfen hätten.

Niemand glaubte diesen Geschichten.

Bis zu jener Nacht.

Die Gestalt trat schließlich vor.

Ein alter Mann.

Sein langer, dunkler Umhang war vom Nebel durchnässt, sein Gesicht von Alter und Leben gezeichnet. Wortlos ging er zu dem Baum, sah Maria an und zog langsam sein Messer.

Mit einer einzigen Bewegung durchtrennte er das Seil.

Maria fiel in den seichten Schlamm am Ufer und hustete sofort vor Schmerz. Der alte Mann fing sie auf, bevor sie ganz zusammenbrechen konnte.

„Warum …?“, keuchte sie.

Der Mann blickte zum Fluss.

„Weil der Fluss dich heute Nacht nicht wollte.“

Die Worte hallten noch lange in ihrem Kopf nach, nachdem er sie fortgeführt hatte.

Als die Dorfbewohner am Morgen zum Fluss gingen, erwarteten sie das Schlimmste.

Man tuschelte, Frauen weinten, und einige Männer bereiteten bereits Boote vor, um wenigstens ihren Körper zu bergen.

Doch stattdessen fanden sie etwas anderes.

Antonio.

Sein Pferd stand verängstigt und schlammbedeckt daneben.

Und Antonio lag ganz allein am Flussufer.

Lebendig.

Aber verändert.

Seine Augen waren weit aufgerissen, als sähe er noch immer etwas Schreckliches. Er konnte nicht sprechen. Er konnte nicht aufstehen. Er zitterte nur und wiederholte immer wieder denselben Satz:

„Da war etwas im Wasser … etwas folgte mir …“

Niemand fand je heraus, was er in jener Nacht genau gesehen hatte.

Doch von diesem Tag an erhob Antonio nie wieder die Stimme.

Und Maria?

Sie kehrte erst einige Tage später ins Dorf zurück.

Nicht allein.

Ein alter Mann vom Fluss ging neben ihr.

Und als die Leute ihn sahen, erbleichten die ältesten Dorfbewohner.

Denn sie erkannten das Gesicht eines Mannes, der allen Aufzeichnungen zufolge seit über dreißig Jahren tot sein sollte.

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