Marcus Vaelor blieb auf den Knien, doch seine Haltung war nicht demütig im üblichen Sinne. Es war weder ein Flehen noch eine Schwäche. Eher die Anerkennung von etwas Älterem als dem Augenblick – als stünde vor ihm ein längst vergessenes, aber nie aufgehobenes Gesetz.

„Das stimmt“, sagte er leise.

Seine Stimme hallte durch den Hof, doch sie klang nicht mehr bedrohlich. Nur noch Gewissheit.

Instinktiv wich der Junge einen Schritt zurück, die Hand noch immer auf dem Hals des großen schwarzen Pferdes. Das Tier rührte sich nicht. Es stand still, als hätte es endlich etwas gefunden, wonach es lange gesucht hatte.

Die Wachen blieben angespannt.

„Kommandant!“, rief einer von ihnen. „Sollen wir ihn verhaften? Er ist gefährlich! Dieses Mal …“

Marcus hob die Hand.

Eine Geste.

Und der ganze Hof verstummte erneut.

„Niemand wird ihn anrühren“, sagte er ruhig.

Der Satz veränderte die Atmosphäre. Es war nicht nur ein Befehl. Es war eine Umschreibung der Realität, an die alle gewöhnt waren.

Der Junge schluckte.

„Ich … ich habe nichts getan“, flüsterte er.

Marcus stand langsam auf. Sein Blick ruhte auf dem Mal an dem Handgelenk des Jungen, das dieser noch immer unter dem zerrissenen Stoff zu verbergen suchte.

„Genau deshalb“, erwiderte Marcus, „hast du nichts getan, das ist das Problem.“

Die Stille wurde bedrückend.

Der Wind fegte durch den Hof und ließ die Fahnen auf den Türmen flattern. Selbst das Pferd, das noch vor wenigen Augenblicken wie die Verkörperung der Zerstörung gewirkt hatte, stand still, den Kopf gesenkt, als lauschte es.

Marcus trat einen Schritt näher.

Die Wachen hoben instinktiv ihre Waffen, erstarrten aber sofort unter seinem Blick.

„Dieses Mal“, fuhr Marcus fort, „gehört nicht zu einem gewöhnlichen Jungen.“

Der Junge ballte die Hand zur Faust.

„Es bedeutet nichts!“ „Ich bin doch niemand! Ich lebe im Hafen, füttere Pferde, nichts weiter!“, platzte es aus ihm heraus.

Marcus starrte ihn lange an.

Dann sprach er einen Satz, der so manchen Adligen erzittern ließ.

„Der Hafen, in dem du lebst, wurde auf den Ruinen der nördlichen Königsfamilie erbaut.“

Die Stille veränderte sich.

Es war nicht mehr nur Anspannung.

Es war Angst.

Der Junge wurde kreidebleich.

„Das ist unmöglich …“

Marcus trat langsam vor und streckte die Hand aus – nicht auf ihn, sondern auf sein Handgelenk.

„Dieses Mal kennzeichnet keinen Soldaten“, sagte er. „Keinen Diener. Kein verlorenes Kind.“

Eine kurze Pause.

„Es kennzeichnet einen Erben.“

In diesem Moment setzte sich das Pferd wieder in Bewegung.

Aber nicht aggressiv.

Es näherte sich dem Jungen und stupste ihn sanft mit der Nase an der Schulter, als wollte es ihn bestätigen.

Der Junge wand sich.

„Ich will nichts davon sein“, flüsterte er.

Marcus senkte den Kopf.

„Das geht euch nichts an.“

Dann wandte er sich den Wachen zu.

Seine Stimme wurde hart.

„Verschließt die Tore!“

„Was?“, keuchte einer der Kommandanten.

Marcus richtete sich auf.

„Weil das Königreich soeben denjenigen gefunden hat, den es zu vergessen suchte.“

Der Junge stand mitten im Hof.

Mit seinem Pferd an seiner Seite.

Und mit der Wahrheit, die nun kein Geheimnis mehr war.

Und zum ersten Mal in seinem Leben begriff er, dass Flucht keine Option mehr war.

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