Kein Fluch, keine Missbildung, keine der finsteren Gerüchte, die das Königreich jahrelang wie Gift geflüstert hatte.
Da war ein Gesicht.
Das Gesicht einer jungen Frau, bleich von Jahren ohne Sonnenlicht, mit zarten Zügen, die etwas weitaus Furchterregenderes verbargen als die äußerliche Veränderung – eine vollkommene Leere in ihren Augen. Nicht die Leere der Dummheit, sondern die Leere eines Menschen, dem alles genommen worden war, bevor er überhaupt begreifen konnte, was Leben bedeutet.
Ihr Haar lag platt und regungslos da, als könnte es ihr nie frei über die Schultern fallen. Die Haut an ihren Schläfen war von der Narbenbildung des Eisens gezeichnet, das sie jahrelang ununterbrochen getragen hatte. Und doch war das Furchterregendste nicht das, was die Menschen sahen, sondern das, was sie nicht sahen: kein Ausdruck der Erleichterung, keine Angst, keine Überraschung.
Nur stumme Akzeptanz.
Die Kathedrale erstarrte.
Jemand in der letzten Reihe rief etwas, doch seine Stimme ging sofort in der drückenden Stille unter, die sich wie giftiger Rauch zwischen den Säulen ausbreitete.
Prinz Richard wich nicht sofort zurück. Er stand einfach nur da, unfähig sich zu bewegen, und starrte sie an, als wollte er begreifen, ob die Welt nicht vor seinen Augen zerbrach. Er erwartete weder Schönheit noch Schrecken. Er erwartete die Wahrheit. Doch dies war etwas ganz anderes.
Der König umklammerte den Schlüssel so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.
„Dies ist meine Tochter“, sagte er leise, doch seine Stimme hallte durch den ganzen Tempel. „Und dies ist der Preis eines Königreichs.“
Niemand antwortete. Niemand wusste, was er sagen sollte.
Prinzessin Elina wandte langsam den Kopf dem Publikum zu. Die Bewegung war langsam, fast mechanisch, als hätte ihr Körper längst vergessen, sich ohne die Fesseln des Metalls zu bewegen.
Und dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Sie lächelte nicht.
Sie brach nicht zusammen.
Sie holte nur tief Luft.
Und dieser Atemzug klang wie der erste wirkliche Augenblick ihres Lebens.
Der König wich zurück, als hätte ihn das Geräusch mitten ins Herz getroffen.
„Ihr sagtet“, fuhr er fort, seine Stimme nun unsicherer, „dass ich sie aus Angst versteckt hätte. Aus Scham. Aus Angst vor einem Fluch.“
Er blickte zu der Versammlung auf.
„Die Wahrheit war einfacher.“
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
„Ich versteckte sie, weil das Königreich einen Erben brauchte, der niemals infrage gestellt werden würde. Und die Welt brauchte eine Legende, die sich durch Furcht beherrschen ließ.“
Prinz Richard senkte langsam den Blick zur Prinzessin. Erst jetzt bemerkte er ein Detail, das ihm entgangen war – die feinen Narben an ihrem Hals, genau dort, wo der Rand ihres Helms sie berührt hatte. Es waren keine Anzeichen einer Krankheit. Es waren Anzeichen langer Gefangenschaft.

Elina sah ihn an.
Und zum ersten Mal war kein leerer Ausdruck mehr in ihrem Blick.
Da war eine Frage.
„Du bist hier“, sagte der König leise, „um ihr Ehemann zu werden. Oder um ein weiterer Entführer zu werden.“
Die Stille wurde unerträglich.
Richard machte einen Schritt nach vorn.
Dann noch einen.
Und schließlich blieb er direkt vor ihr stehen.
Er nahm den Schlüssel, den der König noch in der Hand hielt, doch anstatt ihn anzunehmen, legte er ihn sanft zurück.
„Nein“, sagte er. „Keine Hochzeit beginnt so.“
Er wandte sich an die gesamte Kathedrale.
„Sie beginnt erst, wenn sie jemand fragt, was sie will.“
Und in diesem Moment, zum ersten Mal in ihrem Leben, war die Kathedrale nicht von einem Hauch von Angst erfüllt, sondern von einer Stille, die nicht leer war.
Sondern erwartungsvoll.