Der Förster hatte sie gesehen, bevor sie ihn bemerkten.

Vier Männer durchquerten eine kleine Lichtung, Gewehre über der Schulter. Hinter ihnen zogen sie den Kadaver eines frisch erlegten Rehs, dessen dunkles Fell in der kalten Luft bereits steif wurde.

Der Förster trat zwischen den Bäumen hervor und versperrte ihnen den Weg.

Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt.

„Halt! Hier ist die Jagd verboten. Dies ist ein Naturschutzgebiet. Verschwindet sofort!“

Die Männer sahen sich an und brachen dann in Gelächter aus.

Der Förster war alt, sein Bart bereits weiß vom Alter. Er stand allein da, nur mit einem kleinen Dienstmesser am Gürtel. Vor ihm standen vier junge Männer, stark, bewaffnet und überzeugt, dass sie so tief in der Wildnis niemand aufhalten konnte.

Einer von ihnen trat näher, sein Lächeln schmal und gefährlich.

„Sei vorsichtig mit solchen Befehlen, Alter“, sagte er leise. „Hier sagt uns niemand, was wir zu tun haben.“

Der Förster rührte sich nicht.

„Dieser Wald gehört euch nicht“, erwiderte er. „Lasst das Tier fallen und verschwindet.“

Einen Moment lang herrschte Stille auf der Lichtung.

Dann ging alles blitzschnell.

Einer der Wilderer stieß ihn heftig um, sodass er in den Schnee stürzte. Ein anderer packte ihn an den Armen, während die anderen ihm schnell Hand- und Fußgelenke mit einem Seil fesselten.

Der Ranger wehrte sich, doch die Männer waren jünger und stärker.

Innerhalb von Sekunden war er hilflos.

„Lasst uns den Tieren etwas Unterhaltung bieten“, sagte einer von ihnen mit einem grausamen Grinsen.

Sie warfen das Seil über einen dicken Ast eines nahen Baumes.

Einen Augenblick später hoben sie ihn hoch.

Der Ranger hing kopfüber, seine Stiefel baumelten in der kalten Luft, das Blut schoss ihm schmerzhaft in den Kopf.

Ihm wurde schwindelig.

„Viel Spaß“, höhnte einer der Männer, als sie zurücktraten.

„Wir kommen morgen wieder und sehen, was von dir übrig ist.“

Sie lachten laut, als sie im Wald verschwanden und das Reh mit sich zogen.

Bald verstummten ihre Stimmen.

Es begann wieder zu schneien, dicke, weiße Flocken trieben lautlos durch die Bäume.

Der Wald wurde still.

Zu still.

Der Ranger hing hilflos da, seine Arme begannen bereits, von den engen Seilen taub zu werden. Der Druck in seinem Kopf wurde mit jeder Minute stärker. Er versuchte, sich zu drehen, den Knoten mit den Händen zu erreichen, aber die Seile hielten fest.

Er kannte die Wahrheit.

Wenn sich nichts änderte, würde er die Nacht nicht überleben.

Nach Einbruch der Dunkelheit streiften Raubtiere durch diese Wälder.

Wölfe. Bären.

Und ein kopfüber an einen Baum gefesselter Mensch wäre eine leichte Beute.

Lange Zeit war nichts als der Wind zu hören, der durch die Zweige strich.

Dann hörte er etwas.

Ein leises Geräusch in der Ferne.

Schritte im Schnee.

Zuerst hoffte er, es sei ein anderer Ranger von der Patrouillenstation. Doch die Gestalt, die zwischen den Bäumen auftauchte, war nicht menschlich.

Ein Wolf.

Das Tier trat langsam auf die Lichtung.

Sein graues Fell verschmolz mit dem verschneiten Wald, und seine bernsteinfarbenen Augen fixierten sofort den Mann, der am Ast hing.

Der Ranger erstarrte.

Der Wolf blieb einige Meter entfernt stehen und musterte ihn.

Er machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn.

Dann noch einen.

Der Schnee knirschte leise unter seinen Pfoten.

Den Ranger spürte, wie sich kalte Angst in seiner Brust ausbreitete.

„So endet es also“, dachte er.

Der Wolf hob den Kopf.

Dann heulte er.

Ein langer, tiefer Schrei, der wie ein Echo durch den Wald hallte.

Dem Ranger zog sich der Magen zusammen.

„Er ruft das Rudel“, dachte er.

Doch etwas Unerwartetes geschah.

Der Wolf kam nicht näher.

Stattdessen umkreiste es den Baum einmal und beschnupperte den Boden, wo die Wilderer gestanden hatten. Es beschnupperte die Seile, den Schnee, die tiefen Fußspuren, die von der Lichtung wegführten.

Dann blieb es stehen.

Plötzlich spitzte es die Ohren.

Aus der Ferne drang ein leises Geräusch.

Menschliche Stimmen.

Die Wilderer.

Sie kehrten zurück.

Vielleicht hatten sie etwas vergessen. Vielleicht wollten sie nur noch einen grausamen Blick auf den Mann werfen, den sie zurückgelassen hatten.

Der Wolf spannte sich an.

Als der erste der Wilderer die Lichtung wieder betrat, erstarrte er vor Überraschung.

„Was zum –“

Er brachte den Satz kaum zu Ende.

Der Wolf stürmte los.

Nicht auf den Ranger zu.

Auf sie zu.

Der plötzliche Angriff ließ die Männer vor Schreck zurücktaumeln. Einer von ihnen hob sein Gewehr, doch der Wolf war schneller, schnappte und stürzte sich mit wilder Wildheit auf sie.

Erneut ertönte Heulen aus dem Wald.

Das Rudel hatte den Ruf tatsächlich erhört.

Sekunden später huschten Schatten zwischen den Bäumen umher.

Die Wilderer gerieten in Panik.

„Lauft!“

Sie ließen ihre Ausrüstung fallen und flohen blindlings durch den Schnee, wobei sie gegen Äste prallten, während die Wölfe sie tiefer in den Wald jagten.

Die Lichtung verstummte wieder.

Der erste Wolf kehrte langsam zum Baum zurück.

Er stand dort und blickte den Ranger lange an.

Dann begann er, an dem Seil zu nagen.

Der Ranger sah fassungslos zu.

Innerhalb weniger Minuten rissen die Seilfasern.

Er stürzte schwer in den Schnee.

Benommen, atemlos, aber am Leben.

Als er wieder aufblickte, war der Wolf bereits auf dem Weg zurück zu den Bäumen.

Jahrelang hatte der Ranger die Tiere dieses Waldes vor Jägern und Fallen beschützt.

In dieser Nacht, so schien es,

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