Es liegt nicht daran, dass wir schlecht kochen oder dass sie generell kein Essen mag. Das Problem ist simpel und altbekannt: Gemüse. Genauer gesagt: Brokkoli. Dieses grüne, harmlos aussehende Röschen ist für uns zum Symbol für Widerstand, Trotz und unerwarteten Humor geworden.
Der Tag begann ganz normal. Ich kam von der Arbeit nach Hause, mit einer To-do-Liste im Kopf, einer Einkaufstasche in der Hand und der festen Überzeugung, dass ich heute etwas richtig machen würde. Ich beschloss, ein gesundes, ausgewogenes und vitaminreiches Abendessen zu kochen. Brokkoli schien die perfekte Wahl. Genau richtig gekocht, fein gewürzt, farbenfroh und duftend. Als ich ihn auf den Tisch stellte, überkam mich ein Gefühl des Sieges, noch bevor sich jemand hingesetzt hatte.
Meine Tochter blickte auf ihren Teller mit einem Ausdruck, der nur als stilles Entsetzen beschrieben werden konnte. Sie sagte zunächst nichts. Sie beugte sich leicht vor, kniff die Augen zusammen und betrachtete den Inhalt ihres Tellers einen Moment lang, als ob sie hoffte, der Brokkoli würde sich in etwas anderes verwandeln. Dann sagte sie entschieden: „Nein, das esse ich nicht.“ Sie schob den Teller beiseite, als wäre er ein gefährlicher Gegenstand.
Ich blieb gelassen. Das ist die Essenz der Erziehung, zumindest in der Theorie. Ich erklärte ihr, dass Brokkoli gesund sei und Vitamine enthalte, die dem Körper beim Wachsen helfen, die Muskeln stärken und Energie spenden. Ich benutzte jeden Satz, den ich je von meiner Mutter gehört hatte, sogar solche, von denen ich einst dachte, ich würde sie nie aussprechen. Ich sprach über Kraft, Gesundheit, Laufen, Springen und wie Gemüse dem Körper hilft, den Alltag zu bewältigen.
Meine Tochter hörte mir mit verschränkten Armen und dem Gesichtsausdruck einer professionellen Skeptikerin zu. „Aber ich mag ihn nicht“, antwortete sie ruhig, ohne zu schreien, ohne Tränen. Einfach eine Feststellung. Als wäre es ein unumstößliches Naturgesetz.
Ich beschloss, es anders zu machen. Ich nahm ein Stück Brokkoli und aß es mit demonstrativem Genuss. Ich lächelte und sagte: „Siehst du? Mama isst das. Es macht mich stark. Willst du auch so stark sein wie ich?“ Es war mein letzter Trumpf.
Meine Tochter seufzte. Nicht dramatisch, aber so tief, als trüge sie die Last der ganzen Welt. Einen Moment lang schwieg sie. Stille herrschte im Zimmer, nur unterbrochen vom Klirren des Bestecks und dem fernen Lärm der Straße. Dann sah sie auf, blickte mich an und sagte mit todernster Miene einen Satz, der meinen Mann und mich sofort zum Lachen brachte.
„Mama“, begann sie langsam, „ich hab dich lieb. Aber wenn stark sein bedeutet, das hier zu essen, dann bleibe ich lieber schwach.“

Einen Moment lang wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Alle vorbereiteten Argumente brachen mit diesem einen Satz zusammen. Mein Mann lachte laut auf, und mir wurde klar: Genau solche Momente sind unvergesslich. Keine perfekten Abendessen, keine sorgfältig zusammengestellten Menüs, sondern diese kleinen Familiensituationen, in denen ein Kind einen Erwachsenen mit seiner Ehrlichkeit und Logik völlig entwaffnet.
Schließlich einigten wir uns auf einen Kompromiss. Sie aß ein paar kleine Stücke, und wir hörten auf zu drängen. Der Brokkoli verschwand zwar nicht ganz vom Teller, aber die Anspannung war verflogen. Zurück blieben nur Leichtigkeit und Lachen. Und mir wurde klar, dass es beim Elternsein nicht um Gewinnen und Verlieren geht, sondern um Beziehungen, Vertrauen und die Fähigkeit zu lachen, selbst wenn die Dinge nicht nach Plan laufen.
Seitdem denke ich jedes Mal an ihren Satz, wenn ich Brokkoli koche. Und ich lächle jedes Mal. Denn manchmal ist es besser, ein schüchternes Kind mit einem ausgeprägten Sinn für Humor zu Hause zu haben als ein starkes Kind, das sich nur daran erinnert, gezwungen worden zu sein, etwas zu essen, das es nicht mochte.