An diesem Abend verwandelte sich die Straße in eine einzige weiße Wand. Dicker, nasser Schnee klebte an der Windschutzscheibe, und die Scheibenwischer verschwammen ihn nur zu einem formlosen Brei. Die Sicht war schlecht. Ich fuhr langsam, aber gleichzeitig zu schnell, als dass es sicher gewesen wäre. Ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass mir die Handgelenke schmerzten.
Julia saß neben mir. Sie war blass, verschwitzt, ihr nasses Haar klebte ihr an der Stirn. Sie atmete schwer und umfasste ihren Bauch mit beiden Händen.
„Es ist schlimmer“, flüsterte sie. „Viel schlimmer.“
Der Geburtstermin war in zwei Wochen. Der Arzt versicherte uns, dass alles gut aussähe, dass wir noch Zeit hätten. Ich hätte nie gedacht, dass die Wehen so einsetzen würden, mitten in einem Schneesturm, weit weg von der Stadt, in unserer alten Datscha.
Wir riefen einen Krankenwagen. Die Antwort war kurz und emotionslos: Die Straßen sind schlecht, die Rettungskräfte überlastet, die Ankunft ungewiss. Wenn möglich, sollten wir alleine fahren.
Ich sah das Tempolimit-Schild. Ja, ich wusste, dass ich zu schnell fuhr. Aber wenn eine Frau neben einem vor Schmerzen schreit und die Hand so fest drückt, dass man ihre Nägel in der Haut spürt, hört man auf, Kilometer zu zählen. Man zählt Sekunden.
Dann tauchten in dem weißen Chaos Blaulichter auf.
Ich hielt an. Ich hatte keine Wahl.

Der Kontrolleur kam langsam und gemächlich aus der Kontrollkabine, als ginge er spazieren. Groß, stämmig, mit dem Ausdruck eines Mannes, der seiner Macht sicher war. Er klopfte mit seinem Schlagstock an die Scheibe.
„Wo sind wir denn so in Eile?“, fragte er amüsiert. „Die Rennstrecke ist woanders.“
„Meine Frau hat Wehen“, sagte ich sofort. „Wir müssen ins Krankenhaus. Bitte.“
Er beugte sich vor und sah Julia an. Man merkte ihr an, dass sie kaum noch atmete.
„Was rieche ich da?“, fragte er und kniff die Augen zusammen. „Alkohol?“
Ich log nicht. „Ich hatte heute Nachmittag einen Drink. Vor ein paar Stunden. Ich bin nüchtern. Es ist jetzt ihr Leben.“
Er ließ mich nicht ausreden.
„Raus hier.“
Ich stand nur in meinem Sweatshirt im Schnee. Meine Hände zitterten. Nicht vor Kälte. Vor Wut und Hilflosigkeit.
Der Alkoholtest ergab 0,18 Promille.
„Zu schnell. Alkohol im Blut. Wir werden Ihnen den Führerschein entziehen“, sagte er trocken, als würde er eine Einkaufsliste ablesen.
„Wollen Sie mich veräppeln? Sie bekommt ein Kind! Lassen Sie mich sie wenigstens zurückbringen, dann komme ich wieder, und Sie können mit mir machen, was Sie wollen!“
Er zuckte mit den Achseln. „Das Gesetz ist das Gesetz.“
„Fahren Sie sie im Firmenwagen“, flehte ich. „Den haben Sie doch hier!“
Er lächelte. „Ich bin nicht Ihr Fahrer.“
Er drehte sich um und ging zurück in die Kontrollkabine.
Wir standen am Straßenrand. Der Schnee peitschte uns ins Gesicht. Ich umarmte Julia fest, um sie vor dem Wind zu schützen. Die Zeit schien endlos. Jede Minute war quälend langsam.
Nach fast einer halben Stunde rief endlich jemand einen Krankenwagen. Er kam spät, aber er kam. In dieser Nacht wurde unser Sohn geboren. Er war gesund.
Aber ich hatte etwas anderes verloren. Mein Vertrauen, dass das System immer ein menschliches Gesicht hat.
Ein Jahr war vergangen.
Das Leben ging weiter. Mein Sohn wuchs, lachte und lernte laufen. Ich ging wieder arbeiten und bekam meinen Führerschein zurück. Aber ich vergaß diesen Kontrolleur nicht. Nicht aus Rache. Sondern wegen des Gefühls der Ungerechtigkeit, das mir wie ein Dorn im Auge blieb.
Und dann sah ich ihn wieder.
Er saß im Wartezimmer des Krankenhauses. Den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet. Neben ihm saß eine Frau, blass und erschöpft. Der Arzt kam aus dem Sprechzimmer und sagte einen Satz, der das Leben eines Menschen in einer Sekunde verändern konnte.
Sie brauchten Blut. Sofort. Eine passende Blutgruppe war rar.
Ich stand auf.
Ich ging zum Arzt und sagte ihm, dass ich es hätte. Ohne zu zögern.
Der Inspektor sah mich an. Er erkannte mich. Ich sah es in seinen Augen. Angst, Scham, Erkenntnis.
Als alles vorbei war, kam er auf mich zu. Seine Stimme zitterte.
„Warum?“, fragte er. „Nach all dem …“
Ich sah ihn an und antwortete ruhig: „Weil Sie damals nach dem Gesetz gehandelt haben. Und heute handle ich nach meinem Gewissen.“
Er senkte den Kopf. Er musste nichts mehr sagen.
Manchmal ist Rache nicht die größte Strafe. Manchmal ist es die Tatsache, dass einem jemand Menschlichkeit entgegenbringt, wenn man sie am wenigsten verdient hat.