Sie war schon drei Tage dort.

Sie saß regungslos auf einer Betonbank an einer Bushaltestelle in einem der belebten Viertel von Sète. Die Sonne brannte so heiß, dass ihre Schuhe am Asphalt klebten und die Luft nach verbranntem Harz roch. Menschen kamen und gingen, Busse hielten und verschwanden wieder. Und sie war immer noch da. Unverändert. Unsichtbar.

Niemand wusste, woher sie gekommen war.

Sie war still aufgetaucht, ohne Geräusch, ohne Flehen. Eine alte Frau, eingehüllt in einen abgetragenen Schal, der von Feuchtigkeit, Staub und der Zeit durchtränkt war. Sie war weder vor der Sonne noch vor den Fliegen geschützt. Sie saß einfach nur da. Wie ein verlassener Gegenstand, den die Welt beiseitegelegt und vergessen hatte aufzuheben.

Ihre Augen waren seltsam. Leer und doch tief. Als blickten sie nicht auf die Straße vor ihr, sondern in eine ferne Vergangenheit, die niemand sonst gesehen hatte. Ihre Lippen waren vom Durst aufgesprungen. Dieselben Sandalen an meinen Füßen, abgenutzt und rissig.

Die Leute flüsterten miteinander.

„Verrückte“, murmelte der Händler, als ich ihm Nüsse verkaufte.

„Hexe“, sagte eine andere Frau und wechselte schnell die Straßenseite.

Ich glaubte es nicht.

Mein Name ist Nathan Leroy. Ich bin sechzehn Jahre alt. Jeden Tag verkaufe ich Süßigkeiten und Nüsse zwischen geparkten Autos. Ich lächle die Leute an, obwohl mein Magen vor Hunger knurrt und ich nur ein paar Münzen in den Taschen habe. Die Welt war nicht gut zu mir, aber sie hat mich gelehrt, genau hinzusehen.

Und am dritten Tag platzte mir der Kragen.

Ich konnte es nicht mehr ertragen, wie die Leute andere wie Dreck behandelten. Als wären Alter, Armut oder Einsamkeit ansteckend.

Zuhause, in unserem feuchten Zimmer im Erdgeschoss, erzählte ich es meiner Mutter.

„Lass sie in Ruhe“, antwortete sie teilnahmslos. „Solche Leute bringen nur Ärger.“

„Sie ist nicht verrückt“, wandte ich ein. „Sie hat sich verlaufen. Sie hatte ein Leben.“

Als ich erwähnte, dass ich ihr Wasser gebracht hatte, wurde meine Mutter kreidebleich.

„Misch dich da nicht ein. Diese Leute sind eine Katastrophe“, sagte sie leise, fast ängstlich.

Ich ging trotzdem hinaus.

Sie saß immer noch da.

„Guten Abend, gnädige Frau“, sagte ich zu ihr.

Sie blickte auf. Zum ersten Mal seit drei Tagen.

„Guten Abend, mein Junge“, erwiderte sie mit einer sanften, ruhigen, fast noblen Stimme. Eine Stimme, die nicht zu jemandem von der Straße gehörte.

Ich setzte mich neben sie.

„Erinnerst du dich an dein Zuhause?“, fragte ich vorsichtig.

Sie schwieg einen Moment. Dann flüsterte sie: „Ich heiße Eleanor. Ich erinnere mich an das große schwarze Portal … in der Kopfsteinpflasterstraße.“

In diesem Moment wusste ich, dass ich sie nicht dort zurücklassen konnte.

In der Nähe war eine Baustelle. Ich kannte das alte Auto, das die Arbeiter dort benutzten. Ich lieh mir die Schlüssel, wischte den Sitz ab und hielt davor. Ich öffnete die Tür und verbeugte mich lächelnd.

„Ihre Limousine steht bereit, Ma’am.“

Sie sah mich so an, dass ich zum ersten Mal seit drei Tagen lachen musste. Ehrlich lachen.

„Sind Sie sicher, dass Sie mich mitnehmen wollen?“, fragte sie.

„Wenn nötig“, antwortete ich, „bis ans Ende der Welt.“

Die Fahrt dauerte eine Stunde. Sie führte mich durch alte Viertel, bis wir zu einer verlassenen Villa mit einer hohen Mauer und einem rostigen Tor kamen. Eleanor stieg aus und betrachtete das Haus.

„Da ist es“, sagte sie.

Drinnen herrschten Staub, alte Möbel und Stille. Aber auch Fotografien, Gemälde, Dokumente. Nach und nach erzählte sie mir ihre Geschichte. Sie war die Erbin eines Familienimperiums. Von Verwandten ausgeraubt, geächtet, für unfähig erklärt. Sie rannte weg. Und verschwand von der Bildfläche.

Drei Tage blieb sie bei mir.

Am vierten Tag trafen die Anwälte ein.

Eine Woche später stand ich im Büro, in einer geliehenen Jacke, und hörte der Testamentsverlesung zu. Eleanor hatte keine Kinder. Sie hatte niemanden. Außer dem Jungen, der ihr Wasser gab, mit ihr sprach und sie nach Hause fuhr.

Ich wurde ihr Erbe.

Nicht eines Geldimperiums. Sondern des Beweises, dass Mitgefühl Leben verändern kann. Manchmal das Leben anderer. Und manchmal mein eigenes.

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