Ich war kaum ein paar Minuten im Badezimmer gewesen.

Ich richtete meine Kleidung, spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und atmete tief durch. Ich brauchte Stille. Die Musik im Saal war laut, das Lachen zu ungezwungen, die Freude zu aufdringlich. Es war der Höhepunkt der Hochzeit, ein Moment, auf den man stundenlang gewartet hatte. Und doch fühlte ich, wie sich meine Brust zuschnürte, als stünde ich am Rande von etwas, das ich nicht benennen konnte.

Als ich zurück in den Saal ging, bemerkte ich es fast nicht. Die Stimme war leise, kaum hörbar, als wagte sie es gar nicht zu existieren.

„Trink nicht aus dem Glas.“

Ich drehte mich um. Niemand. Nur der Flur, das gedämpfte Licht und die Musik, die von hinter der Tür zu mir herüberwehte. Ich fühlte mich dumm. Ich redete mir ein, es sei Müdigkeit, Nervosität, vielleicht ein Echo meiner eigenen Gedanken. Ich ging zurück in den Saal.

Die Gäste waren bereits in bester Stimmung. Gläser klirrten, man umarmte sich und lachte lauter als sonst. Der Alkohol löste die Zungen und verwischte die Grenzen. Alle tranken. Alle feierten. Alle – außer mir.

Es war nicht so, dass ich unglücklich war. Ich war an diesem Tag weder verbittert noch offen traurig. Ich fühlte einfach nicht das, was ich vielleicht hätte fühlen sollen. Nicht so wie früher. Nicht so, wie es von mir erwartet wurde.

Mark war ruhig. Geborgenheit. Halt. Er war in mein Leben getreten, nachdem alles andere zusammengebrochen war. Nach dem Unfall, der mir meinen Mann und die Zukunft, die ich mir mit ihm ausgemalt hatte, genommen hatte. Die Polizei sprach von einem unglücklichen Zufall. Für mich war es nur Leere, Stille, Tage ohne Sinn.

Und in dieser Leere war Mark. Er kümmerte sich um die Dinge, um die ich mich nicht kümmern konnte. Er erledigte die Einkäufe, traf die Entscheidungen, plante. Er hielt mich über Wasser. Vielleicht hatte ich ihn deshalb geheiratet. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Dankbarkeit. Aus Angst, es allein nicht zu schaffen.

Diese Gedanken überwältigten mich mitten in der Feier. Ich entschuldigte mich und ging kurz an die frische Luft. Ich wollte mich beruhigen, zurückkommen und meine Rolle spielen.

Als ich zurückkam, ging ein Kellner an mir vorbei. Er blieb einen Augenblick stehen, wie zufällig. Er beugte sich zu mir vor, ohne langsamer zu werden, ohne mir in die Augen zu sehen.

„Trinken Sie nicht aus Ihrem Glas.“

Ich erstarrte. Diesmal war es keine Halluzination. Es war derselbe Satz. Derselbe Tonfall. Keine Erklärung. Kein Blick. Nur eine Warnung, die mir wie die Luft vor einem Gewitter im Halse hing.

Bevor ich etwas sagen oder mich umdrehen konnte, war er verschwunden.

Ich rang noch damit, zu begreifen, was gerade geschehen war, als Mark mir unter dem Tisch das Bein drückte. Fest. Besitzgierig.

„Wo warst du?“, fragte er mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Jetzt kommt der wichtigste Toast.“

Er nahm mein Glas und drückte es mir in die Hand. Mir fiel auf, dass das Glas voll war, obwohl ich mir sicher war, es kaum geleert zu haben. Mein Herz raste. Die Worte des Kellners hallten immer wieder in meinem Kopf wider.

Mark wandte sich dem Moderator zu, der bereits das Mikrofon in die Hand nahm. Alle standen auf. Ihre Aufmerksamkeit galt anderen Dingen. Und ich fasste einen Entschluss.

Unauffällig, mit einer Bewegung, die vielleicht nervös wirkte, tauschte ich mein Glas mit dem vor Mark. Es ging alles blitzschnell. Niemand bemerkte es. Dachte ich zumindest.

„Prost!“, schallte es durch den Saal.

„Auf jeden Fall!“, sagte Mark selbstsicher.

Ich nahm einen kleinen Schluck. Ich spürte seinen Blick auf mir, wie er jede meiner Bewegungen beobachtete, als wollte er prüfen, ob ich seinen Erwartungen entsprach. Dann hob er sein Glas und nahm einen langen, entschlossenen Schluck.

Kaum zwei Minuten waren vergangen.

Zuerst bemerkte ich, wie seine Hand zitterte. Ihm blieb ein Lachen im Hals stecken. Das Glas glitt ihm aus den Fingern und zersprang auf dem Boden. Die Musik lief weiter, doch einige Leute drehten sich um. Mark wurde kreidebleich. Seine Augen weiteten sich, als wolle er atmen, aber es gelang ihm nicht.

Dann sank er in einen Stuhl. Jemand schrie auf. Chaos brach wie eine Welle durch den Raum. Stühle flogen umher, Menschen wichen zurück, jemand rief um Hilfe. Die Musik verstummte endlich.

Ich saß da, unfähig mich zu bewegen, das Glas noch immer in der Hand. Eine eisige Ruhe durchströmte mich. Nicht zielgerichtet. Nicht triumphierend. Nur eine schockierende Stille in mir.

Inmitten des Durcheinanders erblickte ich den Kellner wieder. Er stand ruhig an der Tür und beobachtete die Szene mit dem Ausdruck eines Mannes, der seine Aufgabe erfüllt hatte. Als sich unsere Blicke trafen, nickte er kaum merklich. Dann war er verschwunden.

Der Krankenwagen traf schnell ein. Die Polizei auch. Die Feier hatte sich in einen Ort voller Fragen, Tränen und Angst verwandelt. Niemand wusste, was geschehen war. Nur ich begriff, dass das Flüstern hinter meinem Rücken mir vielleicht das Leben gerettet hatte.

Und in diesem Moment, zum ersten Mal seit dem Unfall, wurde mir noch etwas anderes klar: Manche Unfälle sind keine Unfälle. Und manchmal kommt die Warnung so leise, dass nur derjenige sie hört, der noch eine Überlebenschance hat.

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