Der Polizist mit dem roten Kreuz stand noch immer auf dem Bürgersteig, doch in seinem Kopf tobte ein Sturm der Gefühle.

Jedes Wort des Jungen, jedes Detail verschmolz in seinem Kopf zu einem Bild, das er fürchtete und zugleich erhoffte. Groß, kastanienbraunes Haar, grüne Augen, dieselbe seltene, fast esoterische keltische Spirale – das Triskelion – an derselben Stelle auf seinem Unterarm. Zufall? Er wusste, dass es keiner war. Es war ein Symbol, das nur er und sein Bruder tätowiert hatten. Niemand sonst.

Etienne. Der Name, den er fünf Jahre lang wie eine offene Wunde im Herzen trug. Der letzte Streit war so grausam gewesen, voller Dinge, die nicht ungeschehen gemacht werden konnten. Es ging um Geld, um die Ausrichtung des Familienunternehmens, um Lebensentscheidungen. Etienne war gegangen, und niemand hatte seitdem etwas von ihm gehört. Er ging nicht ans Telefon, er schrieb nicht. Es war, als hätte sich die Erde aufgetan und ihn verschluckt. Bastien machte sich jeden Tag Vorwürfe. Und nun war da ein vierjähriger Junge, vielleicht sein Neffe, der ihm erzählt hatte, sein Vater sei „seltsam“ und seine Mutter weine viel.

Bastien beschloss zu handeln. Das war kein Fall für die Polizei, sondern eine Herzensangelegenheit. Am nächsten Tag kehrte er zu demselben Gebäude zurück, aber nicht in Uniform. In Zivilkleidung, mit einer Tasche voller Kinderbücher und Buntstifte. Er wartete, bis er Madame Sylvia mit Leo zum Park gehen sah. Mit einem ruhigen Lächeln ging er auf sie zu.

„Guten Tag, Madame Sylvia. Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Bastien Moreau. Ich habe Leo gestern hier getroffen. Ich habe ein paar Sachen für ihn, ich hoffe, es stört Sie nicht.“

Sylvia hatte ihn zunächst misstrauisch beäugt, doch als sie den harmlosen Inhalt der Tasche und Bastiens aufrichtigen Blick sah, gab sie etwas nach. „Sie können kurz mit ihm sprechen, aber ich bin hier“, sagte sie mit einem Anflug von Beschützerinstinkt.

Bastien setzte sich neben Leo auf die Bank. Der Junge war anfangs schüchtern, doch als er die Buntstifte sah, hellte sich sein Gesicht auf. Bastien zog ein Blatt Papier hervor und zeichnete unauffällig ein Triskelion.

„Hatte dein Vater wirklich dieselbe Zeichnung?“, fragte er leise.

Leo nickte. „Ja. Er hatte sie hier“, sagte er und zeigte auf seinen Unterarm. „Er sagte, es sei sein Geheimnis mit seinem Bruder. Dass sie wie Zwillinge seien.“

Bastiens Herz sank. „Und wo ist dein Vater jetzt, Leo?“

Der Junge zuckte mit den Achseln, sein Blick verdunkelte sich. „Er ist gegangen. Eines Abends. Mama sagte, er müsse sich ausruhen. Aber er kam nie zurück.“

„Und Mama? Wo ist deine Mama?“

Leo senkte den Blick und begann, mit einem Buntstift auf dem Papier zu kritzeln. „Mama … sie ist weg. Sie war krank. Frau Sylvie sagt, sie ist jetzt ein Engel.“ Er sagte es so ruhig, mit einer so kindlichen, traurigen Resignation, dass Bastien Tränen in die Augen stiegen. Er wandte sich ab, damit der Junge es nicht sah.

Etienne, der seinen eigenen Sohn verließ? Das war noch schlimmer, als er es sich hätte vorstellen können. Doch irgendetwas hielt ihn wach. Etienne war vieles – stur, jähzornig, aber niemals grausam. Und er würde niemals freiwillig ein Kind im Stich lassen.

Bastien verbrachte die nächsten Tage mit diskreter Suche. Er begann bei Madame Sylvie. Er brachte ihr Dokumente, Fotos von sich und Etienne aus ihrer Jugend, sogar Leos Geburtsurkunde, die er mühsam über einen Bekannten beim Standesamt besorgt hatte. Als Sylvie das Foto der beiden fast identischen Männer mit dem gleichen Tattoo sah, wich ihr Misstrauen. Sie war die Pflegemutter, die Leo nach dem Tod seiner Mutter aufgenommen hatte. Alles, was sie über seinen Vater wusste, war, dass er Etienne hieß, dass er gegangen war und dass er angeblich psychisch labil war.

„Er war schwer depressiv“, sagte sie leise. „Seine Frau, Leas Mutter, sagte das. Nach einem Streit mit seiner Familie zog er sich zurück. Dann wurde bei ihm … Hirntumor diagnostiziert. Im fortgeschrittenen Stadium.“

Bastiens Welt brach zusammen. Hirntumor. Ein Tumor, der die Persönlichkeit verändert und Aggressionen, Depressionen und Verhaltensänderungen verursacht. Diese „Seltsamkeit“, von der Leo gesprochen hatte. Dieses Verschwinden, das nicht freiwillig geschah, sondern die Flucht eines Kranken war, der vielleicht gar nicht wusste, was er tat. Und vielleicht … vielleicht wollte er nicht, dass sein Sohn ihn so sah.

Er suchte weiter. Er fand heraus, dass Etienne kurzzeitig in einer psychiatrischen Klinik gewesen war, wo man bei ihm eine durch den Tumor verursachte Persönlichkeitsveränderung diagnostiziert hatte. Dann verschwand er aus den Akten. Bastien rief Krankenhäuser, Hospize und psychiatrische Kliniken an. Erst nach Wochen stieß er in einem kleinen Hospiz am Stadtrand auf einen Hinweis.

Mit klopfendem Herzen fuhr er dorthin. Als die Krankenschwester ihn in sein Zimmer führte, wäre er beinahe zusammengebrochen. Auf dem Bett lag ein hagerer Mann mit einem blassen, müden Gesicht, doch die Züge seines Bruders waren unverkennbar. Auf seinem Unterarm, der aus dem Krankenhaushemd hervorlugte, zeichnete sich schwach, aber noch erkennbar der Umriss eines Triskelions ab.

„Etienne“, flüsterte Bastien.

Der Mann auf dem Bett öffnete langsam die Augen. Sie waren trüb, voller Schmerz, doch tief in ihnen flackerte ein Funke Erkenntnis auf. Seine Lippen zitterten.

„Bast…?“, keuchte er.

Bastien nahm seine Hand. Sie bestand nur noch aus Haut und Knochen. In diesem Moment verschwand all der Groll, all die Wunden der Vergangenheit. Nur ein erdrückendes, tiefes Bedauern blieb zurück.

„Warum hast du es mir nicht gesagt? Warum bist du gegangen?“, fragte Bastien, doch er kannte die Antwort. Stolz. Angst. Und die Krankheit, die ihn völlig vereinnahmte.

„Nein … ich wollte nicht, dass du mich so siehst“, keuchte Etienne. „Und Leo … mein Junge … darf das nicht sehen.“

„Leo geht es gut“, versicherte Bastien ihm mit Tränen in der Stimme. „Er ist gesund, gutaussehend und klug. Und er hat das Tattoo seines Vaters.“

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *