Die Worte hingen wie erstarrte Glocken in der Luft.

Jeannes Finger, die zuvor sanft durch Leas blondes Haar gestrichen hatten, erstarrten. Es war das erste Mal seit dem Tod ihrer eigenen Mutter, dass das Kind „Mama“ sagte. Und es klang so dringlich und schmerzerfüllt, dass es keine Sehnsucht, sondern eher ein Reflex, eine Flucht war.

Jeanne holte tief Luft. Ihr eigenes Herz, noch immer vom Verlust gezeichnet, krampfte sich heftig zusammen. Sie sah Romain an, der im Türrahmen stand. Sein Gesicht war erst von Gefühlen, dann von Verwirrung gezeichnet. Leas Worte klangen nicht nach Sehnsucht nach ihrer toten Mutter. Sie klangen wie eine Warnung.

„Wo tut es weh, Liebes?“, fragte Jeanne leise, ohne sie zu berühren.

Lea schüttelte nur den Kopf und zog sich in sich selbst zurück, in ihr gewohntes Schneckenhaus. Doch diesmal lag eine neue, klare Angst in ihren Augen. Es war, als hätte diese eine Berührung etwas erweckt, das lange geschlummert hatte.

Jeanne richtete sich langsam auf. Ihr Blick traf Romains, und in diesem Moment fand ein ganzes Gespräch zwischen ihnen statt, ohne dass Worte fielen. Irgendetwas stimmte nicht. Etwas mehr als nur Krankheit.

„Mr. Wakefield“, sagte Jeanne mit einer Ruhe, die im Kontrast zu dem Sturm in ihrem Inneren stand, „könnte ich mit Ihnen sprechen? Im Arbeitszimmer?“

Romain, noch immer erschüttert von dem Wort „Mama“, nickte.

Als sie die Tür hinter sich schlossen, lehnte sich Jeanne an den Schreibtisch. Ihre Hände zitterten leicht. „Mir ist in letzter Zeit etwas Seltsames aufgefallen“, begann sie. „Lea hat Angst, allein im Badezimmer zu sein. Wenn sie ihren Schlafanzug wechselt, weicht sie aus, sobald man ihr die Hände an die Seite bringt. Ich dachte, es läge an der Krankheit, den Schmerzen … aber jetzt dieses Wort … ‚Mama‘ …“

Romain erbleichte. „Was meinen Sie? Dass sie Angst vor ihrer eigenen Mutter hat? Das ist doch absurd. Clara hat sie abgöttisch geliebt.“

„Ich weiß nicht, was passiert ist“, antwortete Jeanne ehrlich. „Aber das Kind hat Angst, an bestimmten Stellen berührt zu werden. Und sie verbindet diese Angst mit ihrer Mutter. Sollten wir dem nicht nachgehen? Nicht als Eltern, sondern als Ermittler?“

Romain schüttelte den Kopf, plötzlich erschöpft. „Mrs. Bennett, meine Tochter stirbt. Sie halluziniert, ist im Delirium. Das ist ganz natürlich. Sie sprechen eine sinnlose Sache an, die sie nur noch mehr aufwühlen wird.“

Jeanne starrte ihn einen Moment lang schweigend an. Sie sah in ihm einen Vater, der verzweifelt an dem Bild einer perfekten Vergangenheit festhielt, weil diese Vergangenheit alles war, was ihm geblieben war. Aber sie sah auch den Schatten, der auf Leas Augen lag.

„Okay“, sagte sie schließlich. „Aber lass mich dir eine Sache erlauben. Wenn Lea schläft, lass mich mit ihr auf der Couch schlafen. Ich möchte in ihrer Nähe sein, wenn… wenn sie träumt.“

Romain, erschöpft und überfordert, stimmte zu.

Die Nacht verlief still bis zum Morgengrauen. Lea schlief unruhig und zitterte ab und zu. Als das erste graue Licht durch die Jalousien drang, begann sie zu murmeln. Jeanne, die wach war, schlich leise zum Bett.

„…nein, bitte… es tut weh… Mama, warum?“, flüsterte das Kind im Schlaf. Ihre Hände krallten sich in die Laken.

Jeanne griff nach ihrem Handy. Sie schaltete den Rekorder ein und legte es auf den Nachttisch, versteckt hinter einer Blumenvase. Es war ein Eingriff in ihre Privatsphäre, das wusste sie. Aber ihr Instinkt, dieser tiefe, mütterliche Instinkt, der ihren eigenen Verlust überstanden hatte, schrie ihr zu, dass dies keine Krankheit war. Dies war ein Geheimnis.

Die nächsten Tage waren angespannt. Jeanne beobachtete Lea aufmerksam, um ihre Reaktion auf bestimmte Gegenstände zu beobachten – eine Schmetterlingsbrosche, die Clare gehört hatte, einen bestimmten Jasminduft, der noch immer an einigen Kleidern im Schrank hing. Jedes Mal, wenn diese Gegenstände auftauchten, zuckte Lea zusammen.

Dann, eines Nachmittags, als Jeanne Claras ehemaliges Arbeitszimmer abstaubte, fand sie etwas. Es war ein elegantes Tagebuch mit Metalleinband, verschlossen mit einem kleinen, scheinbar gewöhnlichen Schloss. Es lag versteckt hinter einer Reihe von Geschäftsbüchern. Der Titel eines der Bände weckte ihre Aufmerksamkeit: „Seltene Kinderkrankheiten und ihre psychosomatischen Manifestationen“. Es war ein medizinisches Handbuch, aber nicht eines, das man in der Bibliothek einer Dame der Gesellschaft erwarten würde.

Jeanne nahm das Tagebuch. Das Schloss war einfach. Mit etwas Mühe und einer Nadel klickte es ein. Mit klopfendem Herzen schlug sie die Seiten auf.

Die erste Hälfte war voller aufgeregter Berichte über Leas Geburt, ihre ersten Schritte, ihre ersten Worte. Doch vor etwa einem Jahr änderte sich der Ton. Ihre Handschrift wurde immer unruhiger, voller unterstrichener Wörter und Ausrufezeichen.

„Die Ärzte sagen, es sei selten. Dass es keine Heilung gäbe. Romain ist am Boden zerstört. Er will noch andere Spezialisten aufsuchen. Aber ich … ich kenne die Wahrheit.“

„Schon wieder Bauchschmerzen. Ich sage ihnen, es sei eine Krankheit. Aber sie schreit während der Untersuchung. Sie schreit mich an. Als wäre ich das Monster.“

„Ich habe sie heute gesehen, wie sie sich diese Brosche ansah. Diesen Schmetterling. Ich trug ihn an dem Tag … an dem Tag, als … Gott, erinnert sie sich? Unmöglich. Sie ist doch nur ein Kind.“

„Romain weiß von nichts. Er glaubt, es sei ein Gendefekt. Er hat für diese Lüge bezahlt, ohne es selbst zu wissen. Aber ich … ich kann es nicht mehr ertragen. Jeder Blick von ihr ist eine Anklage. Jeder Schrei von ihr ist ein Urteil. Die Krankheit … war gnädig. Sie hat mir erlaubt, es zu verbergen. Aber jetzt … jetzt stirbt sie und nimmt mein Geheimnis mit ins Grab. Und ich … ich kann es kaum erwarten.“

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