„Also“, sagte er ruhig, „haben Sie es sich anders überlegt?“
Die ältere Patientin wälzte sich in ihrem Bett hin und her. Die Pflegerin unter ihr hörte, wie ihr Atem schneller wurde. Es herrschte langes Schweigen, nur unterbrochen vom Ticken der alten Wanduhr.
„Ich … ich habe es schon unterschrieben“, flüsterte die Patientin. „Bitte … lassen Sie mich gehen …“
Der Mann lachte. Es war kein lautes Lachen, eher ein kurzes, trockenes Ausatmen.
„Sie haben nur das unterschrieben, was ich Ihnen erlaubt habe“, erwiderte er. „Aber heute will ich hören, dass Sie sich erinnern. Dass Sie wissen, wem das Haus gehört. Und wem Sie gehören.“
Der Pflegerin stockte der Atem. Sie ballte die Fäuste, um sich nicht zu verraten. Die Luft unter dem Bett war schwer, und es roch nach altem Metall, aber die Angst war stärker als die Übelkeit.
„Bitte … tun Sie mir nicht weh …“, kam die schwache Stimme der Patientin.
Dann ertönte das Geräusch, das die Pflegerin schon kannte. Ein dumpfer Schlag. Nicht hart, aber gezielt. Als wüsste jemand genau, wo er hinschlagen musste, um keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen.
Die Patientin schluchzte. Kurz. Erstickend.
„Ich habe Ihnen gesagt, dass Schreien sinnlos ist“, sagte der Mann kalt. „Niemand wird Ihnen helfen. Ärzte? Krankenschwestern? Alle halten Sie für eine alte, verwirrte Frau. Und ich bin Ihr einziger Verwandter.“
Der Pflegerin zitterten die Knie. Ihr wurde klar, dass dies kein einmaliger Vorfall war. Der Mann war nicht zufällig hier. Er war aus einem bestimmten Grund gekommen – aus Angst, aus Kontrollsucht, aus dem Bedürfnis zu schweigen.
„Erinnern Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe?“, fuhr er fort. „Wenn Sie den Mund aufmachen, landen Sie im Pflegeheim. Allein. Ohne Geld. Ohne Medikamente.“
Es raschelte in Papieren. Seine Schuhe tauchten unter dem Bett auf, und er kam näher. Die Krankenschwester sah, wie sich die Matratzenkante leicht bog, als er sich über die Patientin beugte.
„Der Notar kommt morgen“, sagte der Mann. „Und Sie werden lächeln. Wie eine gute Großmutter. Haben wir das verstanden?“

Die Patientin nickte nur schwach. Die Krankenschwester erkannte es an dem Geräusch der Bewegung, an dem leisen Seufzer, der eher Resignation als Zustimmung verriet.
Der Mann richtete sich auf. Die Schritte entfernten sich vom Bett. Er blieb einen Moment an der Tür stehen.
„Und vergessen Sie nicht“, fügte er ruhig hinzu. „Niemand glaubt Ihnen.“
Die Tür schloss sich.
Die Krankenschwester blieb noch einige Minuten unter dem Bett liegen. Sie konnte sich nicht bewegen. Alles, was sie hörte, war ihr eigenes Herzklopfen und das leise, unregelmäßige Atmen der Patientin über ihr.
Als sie endlich herauskletterte, zitterten ihre Hände so stark, dass sie sich am Bett abstützen musste. Die ältere Frau lag steif da, die Augen offen, und starrte an die Decke.
„Sie werden nichts sagen“, flüsterte die Patientin, bevor die Pflegerin etwas sagen konnte. „Er … er wird es herausfinden.“
Die Pflegerin setzte sich neben sie. Zum ersten Mal brach sie alle ungeschriebenen Regeln der Station. Sie nahm die Hand der Patientin. Sie war eiskalt.
„Sie sind nicht mehr allein“, sagte sie leise. „Ich habe alles gehört.“
Tränen rannen der alten Frau über die Schläfen. Lautlos.
In dieser Nacht verfasste die Pflegerin einen Bericht. Nicht nur einen. Drei. Für die Stationsleitung, für den Sozialdienst und anonym für die Polizei. Sie beschrieb alles genau: die Uhrzeiten, das Verhalten des Mannes, die blauen Flecken. Sie schilderte auch, was sie gehört hatte.
An diesem Morgen war Station 7 voller Fremder. Polizisten. Ein Anwalt. Eine Sozialarbeiterin. Der Mann kam wie üblich am Abend. Selbstsicher, ruhig.
Doch diesmal ging er nicht allein.
Als sie ihn den Flur entlangführten, trafen sich ihre Blicke. Er erkannte sie. In seinem Blick lag keine Angst. Nur Überraschung und Wut.
Die ältere Patientin wurde noch am selben Tag verlegt. Auf eine andere Station. Unter einem anderen Namen. Unter Schutz.
Einige Wochen später erfuhr der Pfleger, dass der Mann jahrelang beschuldigt worden war, seine eigenen Angehörigen erpresst und misshandelt zu haben. Das Krankenhaus war nur ein weiterer Ort, an dem er damit weitermachen konnte. Deshalb ging er nachts hin. Deshalb schrie er.
Station 7 ist heute still.
Doch der Pfleger wird das gedämpfte Weinen nie vergessen. Und dass es manchmal nur einen Menschen braucht, der hinsieht – selbst wenn alle anderen wegschauen.