Nur ein altes Familienfoto von 1872 … bis einem ein verstörendes Detail auffällt: die Hand meiner Schwester.

Das Foto hatte jahrzehntelang vergessen in einer Holztruhe auf dem Dachboden unseres Elternhauses gelegen. Als ich es zum ersten Mal in die Hand nahm, schenkte ich ihm keine besondere Bedeutung. Vergilbtes Papier, rissige Ecken, typischer Sepiaton des 19. Jahrhunderts. Ein Gruppenporträt der Familie vor einem Steinhaus, formell gekleidet, die Gesichter starr, die Augen auf die Linse gerichtet, wie es die langen Belichtungszeiten jener Zeit erforderten.

Unten stand in sauberer Handschrift: Familie King, Sommer 1872.

Ich erkannte das Haus sofort. Es steht noch heute. Dasselbe, in dem wir aufgewachsen sind.

Zuerst fielen mir die für die Zeit typischen Details auf. Schwere Röcke, dunkle Mäntel, Kinder mit denselben ernsten Gesichtsausdrücken wie die Erwachsenen. In der Mitte stand eine Frau, vermutlich die Mutter, und rechts neben ihr ein Mann mit hartem Blick. Um sie herum standen vier Kinder. Zwei Mädchen. Zwei Jungen.

Und dann fiel mir eine Hand auf.

Es war die rechte Hand des Mädchens ganz links. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Doch als ich das Foto näher ans Licht hielt, wirkte etwas seltsam. Ihre Hand lag nicht natürlich neben ihrem Körper. Ihre Finger waren in einem unnatürlichen Winkel verdreht, als umklammerten sie etwas, das auf dem Foto nicht zu sehen war.

Und vor allem: Die Hand gehörte nicht zu einem Kind.

Sie war zu groß. Die Gelenke traten hervor, die Finger waren lang, fast wie bei einer Erwachsenen. Und doch gehörte sie zu einem kleinen Kinderkörper.

Ein seltsames Gefühl lief mir über den Rücken.

Ich nahm das Foto mit nach unten und zeigte es Schwester Anna. Sie erstarrte sofort.

„Du kennst dieses Mädchen …“, begann sie und beendete den Satz nicht.

„Sie sieht dir ähnlich“, fügte ich hinzu.

Sie hatte dieselbe Gesichtsform. Dieselben Augen. Sogar dieselbe kleine Narbe über der Augenbraue, die Anna seit ihrer Kindheit hatte. Zufall? Vielleicht. Wäre da nur nicht diese Hand gewesen.

Anna sah genauer hin.

„Schau“, sagte sie leise. „Sie hält sich nicht selbst fest. Jemand hält sie fest.“

Und sie hatte Recht. Die Hand gehörte ihr nicht. Sie kam aus einem Raum direkt hinter ihrem Körper. Es war, als stünde jemand außerhalb des Bildausschnitts, aber sein Arm wäre noch im Bild.

Doch so funktionierten Fotografien damals nicht. Die Menschen mussten mehrere Sekunden lang absolut stillstehen. Jede Bewegung hätte das Bild verwischt. Diese Hand war scharf. So scharf wie der Rest des Bildes.

Wir beschlossen, nach Antworten zu suchen.

Wir fanden Aufzeichnungen über die Familie Králov im Stadtarchiv. Sie hatten tatsächlich 1872 in unserem Haus gewohnt. Sie hatten fünf Kinder. Nicht vier.

Das fünfte war ein Mädchen. Sie hieß Magdalena.

Sie starb im selben Jahr, in dem das Foto aufgenommen wurde.

Die offizielle Todesursache wurde nie angegeben. Nur ein Vermerk: „Sie ist verschwunden.“

Die Archivarin erzählte uns widerwillig noch etwas. Laut den damaligen Aufzeichnungen hieß es, Magdalena sei „anders“ geboren worden. Sie hatte eine deformierte Hand. Eine unnatürlich große. Und die Familie verbarg sie vor allen um sie herum.

Anna wurde blass.

„Das ist nicht ihre Hand“, sagte sie. „Das ist die Hand von jemand anderem.“

In dieser Nacht schlief Anna nicht. Am Morgen erzählte sie mir von einem Traum. Sie stand an derselben Stelle wie das Mädchen auf dem Foto. Sie spürte, wie jemand ihre Schulter drückte. Und sie hörte ein Flüstern: Jetzt bist du dran.

Von da an änderte sich alles.

Anna klagte über Schmerzen in ihrer rechten Hand. Die Ärzte konnten nichts finden. Aber ihre Hand schwoll an. Ihre Finger zogen sich manchmal von selbst in dieselbe Position zurück wie die Hand auf dem Foto.

Als ich eines Nachts aufwachte, stand sie neben meinem Bett. Sie weinte nicht. Sie sah mich nur an.

„Sie will nicht allein sein“, sagte sie monoton. „Und sie erinnert sich an dieses Haus.“

Am nächsten Tag holten wir das Foto wieder aus der Truhe.

Nun waren es nicht mehr vier Kinder.

Es waren fünf.

Und das jüngste Mädchen hatte Annas Gesicht.

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