Der Verlust des Lebenspartners hinterlässt eine Lücke in der Seele – eine Lücke, die jeder auf seine eigene Weise zu füllen versucht. Als ihr Vater Witwer wurde, ermutigte ihn seine Tochter zunächst, neue Gesellschaft zu suchen, damit er nicht allein sein müsste. Doch anderthalb Jahre später hatten sechs verschiedene Frauen das Restaurant La Bella Vita besucht – und jede von ihnen war nach nur einem einzigen Abendessen mit ihrem Vater spurlos verschwunden. Das war längst kein bloßes Pech in der Liebe mehr. Keine Nachricht, keine Erklärung, kein weiteres Treffen. Es war, als hätte die Erde sie einfach verschluckt.
Da sie die bedrückende Stille und die ausweichenden Antworten ihres Vaters nicht länger ertragen konnte, stieg die Tochter ins Auto und fuhr direkt zum Restaurant. Sie verlangte Antworten. Doch schon die bloße Erwähnung des Namens ihres Vaters ließ das Personal in blankes Entsetzen verfallen.
Angst hinter der Theke und ein schockierendes Foto
Der Kellner, der auf sie zukam, wurde blass und blickte nervös durch den leeren Gastraum. Als sie ihn drängte, ihr die Wahrheit zu sagen, beugte er sich vor und flüsterte mit zitternder Stimme:
„Ihr Vater kommt schon seit vielen Jahren hierher, junge Dame. Viel länger, als Sie ahnen. Aber diese Abendessen … sie sind nicht ganz das, was Sie sich vorstellen.“ Bevor sie widersprechen konnte, griff der Kellner unter die hölzerne Theke, holte ein altes, vergilbtes Foto hervor und legte es vor sie auf den Tisch.
In diesem Moment gefror ihr buchstäblich das Blut in den Adern.
Das Bild zeigte ihren Vater – jünger, lächelnd und in einem Anzug. Neben ihm saß eine Frau in einem eleganten Kleid, die eine Perlenkette trug. Sie glich einer der „sechs Frauen“, die im vergangenen Jahr mit ihrem Vater zu Abend gegessen hatten, bis aufs Haar. Doch dieses Foto war vor zwanzig Jahren entstanden. Und die Frau darauf war keine neue Bekanntschaft aus dem Internet.
Es war ihre Mutter. Oder, um es genauer zu sagen: jene Frau, von der sie zwanzig lange Jahre lang geglaubt hatte, sie sei bei einem tragischen Autounfall auf einer italienischen Autobahn ums Leben gekommen. ### Die Wahrheit, die niemals ans Licht kommen sollte
Bevor die Tochter auch nur richtig Luft holen konnte, fuhr der Kellner mit erschreckender Gelassenheit fort:

„Ihr Vater bringt keine neuen Freundinnen hierher. Jedes Jahr – jedes Mal mit einem anderen Make-up, einer anderen Perücke und einem anderen Kleid – bringt er Ihre Mutter mit. Wissen Sie, sie ist nicht bei einem Unfall gestorben. Vor zwanzig Jahren erlitt sie eine schwere Hirnschädigung und leidet nun an einer seltenen Form von Amnesie, die mit Wahnvorstellungen einhergeht. Alle paar Monate erlebt sie einen Rückblick in die Vergangenheit und glaubt, eine Fremde zu sein, die Ihr Vater gerade erst kennenlernt. Seit Jahren spielt Ihr Vater dieses schmerzhafte Spiel – nur um ihr immer wieder ein Abendessen bieten und ihr Herz aufs Neue gewinnen zu können –, obwohl sie ihn jeden Morgen nach dem Aufwachen wieder völlig vergessen hat.“
In diesem Augenblick verstand die Tochter alles. Tränen stiegen ihr in die Augen, als ihr klar wurde, dass hinter diesen seltsamen, immer wieder verschwindenden Frauen keine rätselhafte Grausamkeit steckte, sondern die unendliche, herzzerreißende Hingabe eines Mannes, der nie aufhörte, seine Frau zu lieben – selbst lange nachdem sie ihn nicht mehr wiedererkannte.