Ein Schatten aus dem Wald: Wenn die Vergangenheit zurückkehrt, um ihren Tribut zu fordern

Wer Reue heuchelt, während er sich auf dem Unglück eines anderen ein neues Leben aufbaut, fährt damit selten gut. Für Larisa war die Beseitigung ihres Ehemannes jedoch ein wohlkalkulierter Plan. Viktor, achtundfünfzig Jahre alt – einst ein kräftiger und geschickter Handwerker –, war nach einem tragischen Unfall an den Rollstuhl gefesselt. Auch wenn sein Körper ihm nicht mehr gehorchte, blieb sein Geist – und seine Liebe zu der Frau, mit der er zweiunddreißig Jahre verbracht hatte – unverändert.

Anfangs kümmerte sich Larisa noch um ihn, doch ihre Geduld schwand bald. Als ihr klar wurde, dass die Pflege ihres bettlägerigen Mannes ihren eigenen Plänen im Weg stand, wuchs in ihr der kalte Wunsch nach Freiheit – ein Wunsch, der vor allem Viktor galt, beziehungsweise seinem Haus. Monate zuvor hatte Viktor zufällig mitgehört, wie sie einer Freundin am Telefon erzählte, dass sich ohne ihn alles leicht verkaufen ließe, was ihr einen Neuanfang ermöglichen würde. Damals wollte er das nicht wahrhaben; er hielt es für eine unbedachte Äußerung in einer schwierigen Zeit.

Doch an einem tragischen Tag im Spätherbst zeigte sich, dass sie es absolut ernst gemeint hatte. Unter dem Vorwand, ihm die herbstliche Landschaft zeigen zu wollen, fuhr sie ihn in einen abgelegenen Wald und überließ ihn herzlos seinem Schicksal. Sie nahm sein Telefon, seine Ausweispapiere und seine Medikamente an sich, stieg ins Auto und fuhr davon. Wieder zu Hause, meldete sie bei der Polizei, Viktor sei in unbekannte Richtung aufgebrochen. Monate vergingen, die Polizei fand keinerlei Spur, und Larisa lebte bereits zufrieden in seinem Haus – zusammen mit einem neuen Partner. Sie war sich sicher, dass Kälte und Hunger im Wald ihr Werk getan hatten.

Elf Monate des Friedens, die alles zerstörten

Genau elf Monate waren vergangen. Larisa lebte in dem Glauben, völlig ungeschoren davongekommen zu sein. Eines Morgens hielt sie an einem kleinen Laden auf dem Land, um frisches Brot zu kaufen. Neben der Kasse lag ein Stapel regionaler Zeitungen; die neueste Ausgabe war gerade erschienen.

Ihr Blick fiel zufällig auf die Titelseite. Ein Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes im Rollstuhl starrte ihr aus der Zeitung entgegen. Larisa wurde so blass, dass ihr schwindelig wurde. Mit zitternden Händen griff sie nach der Zeitung, hob sie vor ihr Gesicht und hielt den Atem an. Es war Viktor, der sie von dem Foto aus ansah. Kein Skelett im Wald, keine vergessenen Überreste. Er war es – auch wenn sein Ausdruck leer und erschreckend kalt wirkte, sein Gesicht eingefallen.

In diesem Moment gefror ihr buchstäblich das Blut in den Adern. Ihr Herz hämmerte in ihren Ohren, während ihr Blick auf die fettgedruckte Schlagzeile direkt unter dem Bild fiel. ### Die Schlagzeile, die das Ende bedeutete

Dort stand:

„Wunder im Wald: Mann überlebt elf Monate in der Wildnis – dank der Fürsorge eines unbekannten Einsiedlers. Heute Nachmittag tritt er im landesweiten Fernsehen auf, um den Namen der Person zu enthüllen, die ihn dem Tod überließ.“

Bevor Larisa die Zeitung fallen lassen konnte, erklang die Stimme eines Moderators aus dem kleinen Radio hinter dem Tresen: „Und nun, in unserer Sondersendung, präsentieren wir Ihnen einen exklusiven Bericht von Herrn Viktor. Er wird enthüllen, wie seine eigene Ehefrau versucht hat, ihn kaltblütig zu ermorden …“

In Panik rannte Larisa aus dem Laden zu ihrem Auto. Als sie die Tür öffnete, leuchtete auf dem Display ihres Handys eine Nachricht von einer unbekannten Nummer auf. Sie bestand aus nur einem Satz: „Genieß deine letzten Stunden in Freiheit, Larisa. Ich kann dich sehen.“

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *