Doch obwohl sie blind geboren worden war, spürte sie jeden Tag sehr genau, wie grausam die Menschen sein konnten.
Besonders ihre eigene Familie.
Von klein auf hatte Zainab gelernt, dass ihr Vater ihre beiden Schwestern anders behandelte als sie. Ihre Schwestern wurden für ihre schönen Gesichter, ihre glänzenden Augen und ihre elegante Erscheinung gelobt. Wenn Gäste kamen, wurden sie stolz vorgestellt.
Zainab hingegen sollte möglichst unsichtbar bleiben.
Ihr Vater schämte sich für sie.
Er sagte selten ihren Namen. Meistens sprach er von ihr, als wäre sie kein Mensch, sondern eine Belastung, die man irgendwie versorgen musste.
„Dieses Mädchen bringt uns nur Schande“, sagte er manchmal.
Zainab hörte solche Worte, auch wenn sie so tat, als würden sie sie nicht verletzen.
Ihre Mutter war die einzige Person gewesen, bei der sie sich wirklich sicher gefühlt hatte.
Doch als Zainab fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter.
Von diesem Tag an wurde das Haus für sie zu einem Ort, an dem sie zwar lebte, aber niemals wirklich willkommen war.
Ihr Vater wurde immer härter.
Er verbot ihr, bei Familienfeiern am Tisch zu sitzen, wenn wichtige Gäste kamen. Sie sollte in ihrem Zimmer bleiben, wenn Besuch erschien. Selbst wenn ihre Schwestern neue Kleider bekamen, wurde Zainab kaum beachtet.
Sie hatte keine Freunde.
Sie durfte kaum das Haus verlassen.
Und über ihre Zukunft sprach niemand.
Bis eines Morgens ihr Vater plötzlich verkündete, dass sie heiraten würde.
Zainab war völlig überrascht.
„Wen soll ich heiraten?“, fragte sie vorsichtig.
Ihr Vater antwortete ohne jedes Mitgefühl.
„Einen Mann, der dich nimmt.“
Mehr wollte er nicht erklären.
Am nächsten Tag wurde eine kleine Hochzeitszeremonie vorbereitet.
Es gab keine aufwendige Feier, keine schönen Kleider und keine Freude. Einige Nachbarn kamen, ein paar Verwandte standen herum und tuschelten.
Zainab wusste nicht einmal, wie ihr zukünftiger Ehemann aussah.
Niemand beschrieb ihn ihr.
Als sie schließlich seine Nähe spürte, hörte sie nur das leise Murmeln der Menschen.
Dann hörte sie jemanden lachen.
„Ein blindes Mädchen und ein Bettler. Was für eine seltsame Verbindung.“
Zainab senkte den Kopf.
Sie hatte gelernt, solche Worte zu ertragen.
Ihr Vater nahm ihre Hand und legte sie in die Hand des Mannes.
„Geh mit ihm.“
Das war alles.
Kein Abschied.
Keine Umarmung.
Kein gutes Wort.
Dann gab er seiner Tochter ein kleines Bündel mit einigen Kleidungsstücken.
„Das ist jetzt dein Leben.“
Zainab hörte, wie die Menschen hinter ihr lachten, während sie langsam von ihrem Vater weggeführt wurde.
Der Mann neben ihr hielt ihren Arm vorsichtig fest.
Seine Stimme war ruhig.
„Hab keine Angst.“
Zainab sagte nichts.
„Bei mir wirst du sicher sein“, fügte er leise hinzu.
Der Mann hieß Yusha.
Er lebte tatsächlich in einer kleinen, alten Hütte am Rand des Dorfes. Die Wände waren aus Lehm, das Dach war beschädigt und im Inneren gab es kaum Möbel.
Zainab setzte sich auf einen alten Teppich.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sie sich zu weinen.
Sie dachte, ihr Vater hätte ihr endgültig jede Hoffnung genommen.
Sie war blind.
Sie war arm.
Und nun war sie mit einem Mann verheiratet, den alle nur als Bettler kannten.
Doch bereits in dieser ersten Nacht geschah etwas, womit Zainab niemals gerechnet hatte.
Yusha behandelte sie nicht wie eine Last.
Er machte ihr einen warmen Kräutertee.
Dann gab er ihr seine eigene Decke.
Als Zainab fragte, wo er schlafen würde, antwortete er:
„Hier an der Tür.“
„Warum?“
„Damit du ruhig schlafen kannst.“
Zainab verstand es nicht.
Niemand hatte sich jemals so um sie gekümmert.
Am nächsten Morgen fragte Yusha sie, was sie gerne esse.
Am folgenden Tag wollte er wissen, welche Geschichten sie mochte.
Er fragte sie sogar, wovon sie als kleines Mädchen geträumt hatte.
Zainab wusste zunächst nicht, was sie antworten sollte.
Niemand hatte sie jemals nach ihren Träumen gefragt.
Mit der Zeit begann sich ihr Leben zu verändern.
Yusha begleitete sie jeden Morgen zum Fluss.
Er beschrieb ihr die Welt um sie herum.
Er erzählte ihr, wie die Sonne über den Bergen aufging, wie die Blätter im Wind tanzten und wie die Vögel über dem Wasser kreisten.
Für Zainab waren seine Worte mehr als Beschreibungen.
Sie waren Bilder.
Wenn er von einem roten Sonnenuntergang sprach, stellte sie sich Farben vor, die sie niemals selbst gesehen hatte.
Wenn er über die Sterne erzählte, hatte sie das Gefühl, sie würden direkt über ihrem Kopf leuchten.
Abends erzählte Yusha ihr Geschichten über ferne Städte und Menschen, die er angeblich auf seinen Reisen kennengelernt hatte.
Manchmal sang er leise, während er ihre Kleidung wusch.
Und immer, wenn Zainab sich schlecht fühlte, fand er einen Weg, sie zum Lächeln zu bringen.
Wochen vergingen.
Dann Monate.
Zainab bemerkte, dass sie sich verändert hatte.
Sie lachte wieder.
Sie wartete morgens darauf, seine Schritte zu hören.
Und we