Die Braut, die nicht sterben wollte

Die Morgensonne warf ein fahles Licht durch die Fenster der städtischen Leichenhalle. Das Gebäude stand am Rande des Krankenhauskomplexes, ein Ort, den die meisten Menschen mieden, ein Ort, an dem die Toten für ihre letzte Reise vorbereitet wurden. Das Personal bewegte sich mit geübter Effizienz durch die Gänge, ihre Gesichter von professioneller Distanz geprägt. Es war nur ein Job. Nur ein weiterer Tag. Nur ein weiterer Leichnam.

Doch dieser Morgen war anders.

Der Krankenwagen war im Morgengrauen angekommen, seine Sirene durchschnitt die stillen Straßen, bevor sie abrupt vor den Toren verstummte. Die nachfolgenden Fahrzeuge waren keine gewöhnlichen Krankentransporter. Es waren mit weißen Bändern und Blumen geschmückte Autos, Hochzeitswagen, die für einen Trauerzug umfunktioniert worden waren. Die Hochzeitsgesellschaft verteilte sich auf dem Bürgersteig, ihre festliche Kleidung wirkte vor dem sterilen Hintergrund der Leichenhalle deplatziert.

Es waren Dutzende. Männer in Anzügen, Frauen in eleganten Kleidern, Kinder, die Sträuße umklammerten, die nie geworfen worden waren. Einige weinten offen. Andere starrten mit leeren Augen vor sich hin, ihre Trauer noch zu frisch, um sie zu verarbeiten. Die Braut wurde auf einer Trage getragen, ihr Spitzenhochzeitskleid noch makellos, ihr Haar sorgfältig frisiert. Der Brautstrauß ruhte auf ihrer Brust, ein Symbol der Freude, die sich in Tragödie verwandelt hatte.

Der Bräutigam ging neben ihr. Er weinte nicht. Er schrie nicht. Er sah sie nur an, als könnte sie jeden Moment die Augen öffnen und ihm sagen, dass alles ein Irrtum war. Sein Gesicht war blass, seine Augen rot umrandet, doch er bewahrte eine unheimliche Fassung, die irgendwie beunruhigender war als jeder Gefühlsausdruck.

Die Leichenhallenwärterin beobachtete das Geschehen vom Flur aus. Sie arbeitete noch nicht lange in der Einrichtung. Tatsächlich war sie anfangs entsetzt gewesen. Die langen Gänge, die kalten Räume, die Leichen, die sie von ihren Stahltischen aus zu beobachten schienen. Sie hatte Albträume davon, Träume, in denen sie durch endlose Hallen voller Toter wanderte.

Ein älterer Arzt hatte ihr einmal einen Rat gegeben. „Man sollte keine Angst vor den Toten haben“, hatte er gesagt. „Die, die wandeln und lächeln, sind viel gefährlicher.“

Diese Worte hatten sie nicht losgelassen. Danach sah sie die Leichen mit anderen Augen. Sie waren keine Bedrohung mehr. Sie waren einfach Menschen, die ihre Reise beendet hatten. Menschen, die niemandem mehr wehtun, keinen Schmerz und kein Leid mehr verursachen konnten. Sie ruhten in einem Frieden, den die Lebenden niemals finden konnten.

Nachdem die Hochzeitsgesellschaft gegangen war, wurde der Leichnam in einen Lagerraum gebracht. Der Arzt, der die Familie begleitet hatte, überflog die Unterlagen, sein Stift glitt mit geübter Geschwindigkeit über die Formulare.

„Die Autopsie ist für morgen angesetzt“, sagte er, ohne aufzusehen. „Beenden Sie Ihre Schicht heute und kommen Sie pünktlich.“

„Ist die Todesursache bestätigt?“, fragte der Arzt.

„Vergiftung. Alles klar. Abgezeichnet. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Er ging wortlos. Der Raum verstummte, nur das Summen der Kühlgeräte an den Wänden war zu hören. Die Angestellte war allein mit der Braut.

Langsam näherte sie sich dem Tisch, ihre Schritte hallten in dem sterilen Raum wider. Die Braut wirkte zu friedlich. Ihre Haut hatte nicht die gräuliche Blässe, die sonst mit dem Tod einherging. Ihre Lippen waren nicht blau. Ihre Wangen schienen leicht zu glühen, als schliefe sie nur.

Die Angestellte runzelte die Stirn. Die Leichenhalle war immer kalt. Unter diesen Bedingungen kühlten die Körper schnell aus. Innerhalb weniger Stunden wurden sie kalt und steif. Doch dieses Mädchen sah anders aus. Dieses Mädchen wirkte lebendig.

Sie streckte die Hand aus und berührte die Hand der Braut. Ihre Finger zuckten instinktiv zurück.

Die Haut war warm.

Sie berührte sie erneut, diesmal vorsichtiger. Das Fleisch war weich und nachgiebig, wie die Haut eines Menschen, der gerade eingeschlafen war. Sie glaubte, den Brustkorb heben und senken zu sehen, eine kaum wahrnehmbare Bewegung, die vielleicht nur Einbildung war.

„Das darf nicht sein“, flüsterte sie.

Sie beugte sich vor und presste ihr Ohr an die Brust der Braut. In der Stille der Leichenhalle hörte sie es. Ein leises, fast unhörbares Geräusch. Ein Herzschlag. Langsam. Gleichmäßig. Lebendig.

Die Angestellte zuckte zusammen, ihre Hand flog zum Mund. Einen Moment lang stand sie da, ihre Gedanken rasten. Wenn sie Recht hatte, würde die Braut lebendig begraben werden. Die Autopsie würde morgen früh beginnen. Sie würden eine lebende Frau aufschneiden, sie sezieren und die Wahrheit erst erfahren, wenn es zu spät wäre.

Sie zögerte nicht. Sie rannte aus dem Raum, ihre Schritte hallten durch die leeren Gänge. Sie stürmte förmlich zum Arztzimmer und riss die Tür auf, ohne anzuklopfen.

„Schnell, kommen Sie mit“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Sie lebt. Sehen Sie sie sich an.“

Der Arzt blickte von seinen Papieren auf, sein Gesichtsausdruck war genervt. „Wer lebt?“

„Die Braut. Ihre Haut ist warm. Ihr Herz schlägt. Ich habe es gehört.“

Er seufzte schwer und legte seinen Stift bedächtig beiseite. „Gehen wir. Aber falls das nur eine weitere Fantasie ist, schreibe ich Ihnen eine Notiz, in der ich Ihren Zustand erkläre. Das ist bereits das zweite Mal in diesem Monat, dass Sie mit diesen Beschwerden zu mir kommen.“

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