Der letzte Tropfen

Die Straße war schmal. Staubig. Ausgetrocknet von der Hitze, die von jedem Stein und jedem Grashalm ausging. Die Frau ging langsam, fast träge, denn ihre Beine gehorchten ihr schon lange nicht mehr. Auf dem Rücken trug sie ein Bündel Reisig, das sie seit fünf Uhr morgens gesammelt hatte, als noch Tau auf der Haut lag und die Luft atembar war. Es war jetzt Mittag. Die Sonne stand hoch und brannte wie ein glühender Ofen auf ihrem Kopf. Ihr Schal war schweißnass, ihre Hände zitterten vor Erschöpfung, und in ihrer kleinen Plastikflasche waren nur noch wenige Schlucke Wasser.

Sie hieß Helena. Sie war fünfundsechzig Jahre alt. Sie lebte allein in einem kleinen Häuschen am Dorfrand, wo der Bus nur dreimal täglich hinfuhr. Ihre Kinder waren vor Jahren in die Stadt gezogen und kamen einmal im Jahr zu Weihnachten zurück. Manchmal schickten sie ihr Geld. Manchmal riefen sie an. Helena klagte nicht. Sie war es gewohnt, für sich selbst zu sorgen.

An diesem Tag hatte sie sich vorgenommen, auf der Schwelle zu sitzen, etwas Wasser zu trinken und sich unterwegs auszuruhen. Sie konnte ihr Häuschen schon sehen. Sie hörte schon das Knarren der Tür. Sie spürte schon die Kälte des Steinbodens unter ihren nackten Füßen.

Dann bemerkte sie die Schlange.

Sie lag mitten auf der Straße. Sie war lang, dunkelbraun, mit fast unsichtbaren Schuppen, die in der Sonne glänzten. Sie lag seltsam da. Sie war nicht zusammengerollt. Sie war nicht zum Angriff ausgestreckt. Sie war ausgestreckt, als hätte sie nicht einmal mehr die Kraft, sich zusammenzurollen. Ihr Kopf lag zur Seite. Ihr Maul war leicht geöffnet.

Helena erstarrte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück. Schlangen waren hier häufig. Manche waren giftig. Manche nicht. Aber selbst ein erfahrener Förster konnte sie auf den ersten Blick nicht unterscheiden.

Sie hätte um sie herumgehen sollen. Sie hätte umkehren und den anderen Weg nehmen sollen. Sie hätte sie vergessen sollen.

Aber sie rührte sich nicht.

Helena starrte sie eine gefühlte Ewigkeit an. Die Schlange griff nicht an. Sie hob nicht den Kopf. Sie kroch nicht. Sie lag da, als hätte sie keine Kraft mehr zum Leben.

Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Großmutter von damals. Wenn ein Lebewesen wehrlos ist, hat man kein Recht, es zu verletzen. Aber man muss ihm auch nicht helfen. Die Natur ist grausam. Jemand muss sterben, damit jemand anderes leben kann.

Helena dachte an die letzten Tage zurück. Die Hitze war unerträglich. Sie konnte nachts nicht schlafen. Ihr Brunnen führte kaum noch Wasser. Eine Nachbarin beschwerte sich, dass ihr Wassertank ausgetrocknet war. Die Menschen waren erschöpft. Tiere starben. Warum sollte eine Schlange eine Ausnahme sein?

Langsam nahm sie den Holzscheit von ihrem Rücken. Er fiel mit einem leisen Plumps zu Boden. Sie zog eine Wasserflasche hervor. Sie tat sich selbst leid. Es war ihr letztes Wasser. Noch zwanzig Minuten bis zur Hütte.

Sie sah die Schlange an. Schlangen sind wechselwarm. Die Sonne erhitzt sie. Ohne Wasser sterben sie wie Menschen. Vielleicht sogar schneller.

Sie hockte sich hin. Sie hielt Abstand. Sie streckte die Flasche aus. Ihre Finger zitterten. Sie drehte den Deckel. Dann neigte sie die Flasche.

Ein dünner Wasserstrahl tropfte auf den Boden. Nur ein paar Tropfen. Helena hielt den Atem an.

Die Schlange rührte sich nicht.

Sie neigte die Flasche weiter. Mehr Tropfen. Diesmal berührte einer ihren Kopf. Die Schlange zuckte. Nicht heftig. Eher, als würde sie aus einem Traum erwachen. Ihr Kopf hob sich langsam, ganz langsam.

Helena spürte einen Schauer über den Rücken laufen. Sie hätte aufhören sollen. Sie hätte aufstehen und gehen sollen. Aber sie konnte nicht. Es war stärker als sie.

Die Schlange öffnete ihr Maul. Es war kein Angriff. Es war ein verzweifelter Versuch, auch nur einen Tropfen zu ergattern. Ihre Zunge flatterte fast unmerklich.

Helena neigte die Flasche ganz. Der letzte Tropfen Wasser floss heraus. Tropfen für Tropfen. Die Schlange hob nun den Kopf. Ihr Körper spannte sich an. Sie verlor ihre schlaffe, hilflose Haltung. Sie war wieder eine Schlange. Ein Reptil. Ein Raubtier.

Helena wich zurück. Langsam, um sie nicht zu erschrecken. Aber sie brauchte nicht mehr zu trinken. Sie brauchte etwas anderes.

Sie drehte den Kopf zu ihr. Ihre Augen waren schwarz. Hungrig.

„Nein“, flüsterte Helena. „Ich habe dir geholfen. Ich habe dir Wasser gegeben.“

Eine Schlange wird nicht von Gefühlen geleitet. Eine Schlange wird von Instinkten geleitet. Und der Instinkt sagte ihr, dass vor ihr ein warmblütiges Wesen stand, das sich bewegte, atmete und verletzlich war.

Menschen hatten sie schon einmal erschreckt. Menschen hatten sie schon einmal mit Stöcken und Steinen geschlagen. Menschen hatten sie schon einmal grundlos getötet. Sie konnte sich nicht an diejenigen erinnern, die ihr geholfen hatten. Sie erinnerte sich nur an diejenigen, die ihr wehgetan hatten. Und jeder Mensch war ein potenzieller Feind für sie.

Die Schlange rollte sich zusammen. Nicht um anzugreifen. Um sich in Position zu bringen. Ihr Kopf begann hin und her zu schwanken. Ihr Körper spannte sich an.

Helena wich einen Schritt zurück. Sie stolperte über eine Wurzel. Beinahe wäre sie gestürzt. Ihr Herz hämmerte wie wild.

„Nein, bitte“, flüsterte sie. „Ich bin nicht deine Feindin.“

Die Schlange hörte nicht zu. Die Schlange verstand keine Worte. Die Schlange spürte die Hitze. Und die Hitze war nah.

In diesem Moment ertönte ein Geräusch. Es war keine Schlange. Es war nicht der Wind. Es war ein Mensch.

„Hallo!“, rief eine Männerstimme. „Ist da jemand?“

Helena drehte sich abrupt um. Am Ende der Straße stand ihr Nachbar Pavel. Er trug einen blauen Overall und hielt einen Stock in der Hand. Er ging jeden Tag seine Felder absuchen. Heute kam er später, weil sein Traktor kaputt war.

„Pavel!“, rief Helena. „Hier!“

Pavel rannte los. Er war alt, aber schnell. Er sah die Schlange. Er sah, wie Helena zurückwich. Er sah, was geschah.

Er schlug mit seinem Stock zu. Er traf die Schlange nicht. Er schlug nur auf den Boden. Der Lärm genügte. Die Schlange hielt einen Moment inne. Ihr Kopf wandte sich Pavel zu.

Pavel schlug erneut zu. Diesmal traf er mit seinem Stock einen Stein. Der Klang war durchdringend. Die Schlange wich plötzlich zurück. Sie verschwand nicht. Aber sie griff nicht mehr an.

Er drehte sich um. Sie begann zu kriechen. Langsam, noch unsicher, aber immer schneller. Sie verschwand im Gebüsch am Straßenrand.

Helena fiel

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