Das Geräusch uralter Mechanismen hallte durch den Tempelhof, und alle Anwesenden hielten instinktiv den Atem an. Drinnen brannten noch Dutzende Öllampen, deren Licht schwach die lange Halle erhellte.
Doch irgendetwas stimmte nicht.
Zu still.
Zu kalt.
Der Hohepriester betrat als Erster den Tempel, gefolgt von zwei Wachen. Die anderen warteten hinter ihnen, bis plötzlich ein gedämpfter Schrei aus dem Tempel ertönte.
Dann der zweite.
Und innerhalb von Sekunden brach im ganzen Raum Chaos aus.
Die Menschen wichen vom Eingang zurück, einige hielten sich den Mund zu, andere klammerten sich an die Wände. Einer der jüngeren Priester fiel ohnmächtig auf den Steinboden.
Denn der Körper der jungen Königin war verschwunden.
Und sie war nicht die Einzige.
Alle acht Elitekrieger, die den Tempel in jener Nacht bewacht hatten, lagen tot an den Wänden.
Ohne eine einzige Wunde.
Ohne Blut.
Doch ihre Gesichter waren von so entsetzlichem Entsetzen verzerrt, dass mehrere Diener sofort laut zu beten begannen. Die Augen der Männer blieben weit aufgerissen, als hätten sie vor ihrem Tod etwas gesehen, das der menschliche Verstand nicht ertragen kann.
Nur ein steinerner Sockel stand noch in der Mitte des Tempels.
Leer.
Die Krone war verschwunden.
Die Halskette war verschwunden.
Auch der Leichnam der Königin war spurlos verschwunden.
Es vergingen einige Minuten, bis der Herrscher des Reiches eintrat. Als er den leeren Raum sah, blieb er so abrupt stehen, dass ihm der Mantel von der Schulter glitt.
„Verschließt den Palast!“, sagte er heiser. „Sofort!“
Innerhalb weniger Stunden waren alle Stadttore geschlossen. Die Wachen durchsuchten die Keller, die Türme, die Gärten und die unterirdischen Gänge unter dem Tempel.
Nichts.
Keine Spuren eines Kampfes.
Keine Geheimtür.

Kein einziges Anzeichen dafür, dass jemand in der Nacht ein- oder ausgegangen war.
Nur eine merkwürdige Sache.
Auf dem Steinboden um den Sockel herum waren feuchte Fußspuren.
Bartfußspuren.
Sie führten von der Stelle, wo der Leichnam der Königin gelegen hatte …
und endeten direkt vor der riesigen Statue der Todesgöttin am Ende des Tempels.
Doch dort verschwanden sie plötzlich.
Als wäre die Person einfach verdampft.
Als sich die Nachricht im ganzen Königreich verbreitete, flüsterten die Menschen eine alte Legende, die die meisten längst vergessen hatten.
Die Legende besagte, dass die Frauen der Dynastie der Königin nicht ganz menschlich waren.
Dass die erste Königin einst einen Pakt mit den Göttern geschlossen hatte, um Macht und Reichtum für die Familie zu erlangen. Doch einmal pro Generation konnten die Götter persönlich erscheinen.
Und deshalb musste der Leichnam über Nacht im Tempel bleiben.
Nicht zum Abschied.
Sondern zum Gericht.
Drei Tage später geschah etwas noch Seltsameres.
Einer der jungen Wachen schwor, er habe die junge Königin in jener Nacht auf der Palastmauer stehen sehen.
Sie trug dasselbe rote Kleid.
Dieselbe Krone.
Und sie blickte direkt auf die Stadt hinunter.
Doch als die Wachen zu ihr eilten, war niemand da.
Nur nasse, nackte Fußspuren, die zum Rand der Mauer führten.
Und darunter …
keine Leiche.