Es war kurz nach Mitternacht, und die meisten Geschäfte hatten längst geschlossen. Die Straßen wirkten wie ausgestorben. Nur ab und zu fuhr ein Auto vorbei und durchbrach die Stille mit dem Geräusch seiner Reifen auf dem Wasser.
Als ein schwarzer SUV mit getönten Scheiben vor einem kleinen Supermarkt hielt, wagte es niemand, sich ihm zu nähern. Jeder in der Gegend kannte das Auto. Genauso wie den Namen des Mannes, der ausstieg.
Alessandro Vitale.
Ein Mann, über den in Restaurants, Bars und Polizeistationen getuschelt wurde. Manche behaupteten, er sei Geschäftsmann. Andere sagten, er kontrolliere die halbe Stadt. Aber eines wusste jeder mit Sicherheit: Alessandro Vitale war jemand, den man besser nicht verärgerte.
Er schloss die Autotür, rückte seinen Mantel zurecht und blickte auf sein Handy. Er hatte einen langen Tag mit Meetings, Drohungen und Deals hinter sich, die nie schriftlich festgehalten wurden. Er wollte einfach nur noch nach Hause verschwinden.
Dann hörte er eine Kinderstimme.
Leise. Fast im Regen untergegangen.
„Sir … wollen Sie mir nicht mein Fahrrad kaufen?“
Alessandro drehte sich um.
Unter der flackernden Lampe stand ein kleines Mädchen. Sie konnte nicht älter als acht Jahre sein. Sie hielt ein altes, pinkfarbenes Fahrrad mit einer rostigen Kette und einem rissigen Sattel. Ihre durchnässte Jacke war zu dünn für die kalte Nacht, und ihre Schuhe hatten löchrige Sohlen.
Aber was ihn am meisten beeindruckte, waren ihre Augen.
Sie waren nicht kindlich.
Sie waren müde, auf eine Weise, die ein Kind niemals kennen sollte.
Alessandro betrachtete sie einen Moment lang schweigend.
„Wo sind deine Eltern?“, fragte er schließlich.
Das Mädchen senkte den Blick.
„Zu Hause.“
„Und warum bist du allein unterwegs?“
Sie umklammerte den Lenker ihres Fahrrads fest, als wolle sie weglaufen.
„Meine Mutter hat nichts zu essen. Sie hat seit zwei Tagen nichts gegessen.“
Alessandro spürte, wie etwas in ihm aufstieg. Er war kein sentimentaler Mensch. Sein ganzes Leben lang hatte er gelernt, den Schmerz anderer zu ignorieren. In seiner Welt bedeutete Schwäche den Tod.
Aber irgendetwas war anders an diesem kleinen Mädchen.
Vielleicht war es ihre tapfere Art.
Vielleicht war es die Tatsache, dass sie nicht einmal bettelte.
Sie wollte einfach nur das Letzte verkaufen, was sie besaß.
„Was willst du für das Fahrrad?“, fragte er ruhig.
Das Mädchen zögerte.

„Ich weiß nicht … vielleicht zwanzig Dollar? Das würde für Essen reichen.“
Alessandro betrachtete das rostige Fahrrad, das nicht einmal fünf Dollar wert war.
Dann bemerkte er wieder ihre Hände. Sie zitterten vor Kälte.
„Wie heißt du?“
„Sofia.“
„Und deine Mutter?“
„Elena.“
Alessandro nickte.
„Was ist mit dir passiert?“
Das Mädchen schwieg einen Moment, als ob sie sich fragte, ob sie ihm vertrauen konnte.
Dann flüsterte sie:
„Es kamen ein paar Männer.“
Alessandro blickte auf.
„Welche Männer?“
„Sie sagten, Mama schuldet Geld.“
Der Regen wurde stärker. Sofia duckte sich instinktiv.
„Sie haben den Fernseher mitgenommen … die Couch … sogar das Kinderbett meines kleinen Bruders.“
Alessandro presste langsam die Zähne zusammen.
Er kannte solche Geschichten nur zu gut. Kleine Erpresser, die sich hinter fremden Namen versteckten und arme Familien terrorisierten, um sich mächtig zu fühlen.
Doch dann sagte Sofia etwas, das alles veränderte.
„Mama sagte, es war die Mafia.“
Für einen Moment stand die Welt um Alessandro still.
Nicht, weil ihn das Wort Mafia überraschte.
Sondern weil jemand seinen Namen gegen das Kind benutzt hatte.
Langsam zog er seine Handschuhe aus.
„Haben sie dir gesagt, wer sie geschickt hat?“
Sofia schüttelte den Kopf.
„Sie haben immer wieder deinen Namen gerufen.“
Alessandro schwieg einige Sekunden. Seine Männer standen in der Nähe des Wagens und sahen sich nervös an. Sie wussten, was dieser Ausdruck bedeutete.
Jemand hatte gerade einen fatalen Fehler begangen.
Alessandro beugte sich langsam zu dem Mädchen vor.
„Wo wohnst du?“
Zehn Minuten später hielt ein schwarzer Geländewagen vor einem heruntergekommenen Wohnhaus am Stadtrand. Der Aufzug war außer Betrieb. Die Flure rochen muffig nach alten Rohren.
Als Sofia die Wohnungstür öffnete, fröstelte Alessandro.
Die Wohnung war fast leer.
Keine Möbel.
Kein Fernseher.
Nur eine alte Matratze auf dem Boden, eine dünne Decke und eine Frau, die an der Wand lehnte.
Elena sah furchtbar erschöpft aus. Als sie den fremden Mann in der Tür sah, wurde sie sofort kreidebleich.
„Sofia … was hast du getan?“
„Ich wollte nur etwas zu essen kaufen“, flüsterte das kleine Mädchen.
Elena versuchte aufzustehen, doch ihre Knie gaben nach.
Alessandro sah sich langsam in der Wohnung um.
Und dann bemerkte er etwas Seltsames.
An der Wand hing ein altes Foto.
Der Mann darauf trug eine Polizeiuniform.
Alessandro näherte sich langsam.
Sobald er das Gesicht auf dem Bild sah, erstarrte er.
„Das ist unmöglich …“
Elena schloss die Augen.
„Ich dachte, du wärst tot“, sagte sie leise.
Alessandro drehte sich um.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren wirkte er wirklich schockiert.
Der Mann auf dem Foto war niemand anderes als Marco DeLuca.
Der Einzige, der Alessandro einst das Leben gerettet hatte.
Und der Mann, der vor zehn Jahren verschwand, nachdem er sich geweigert hatte, für korrupte Leute innerhalb der Organisation zu arbeiten.
Alessandro sah Elena langsam an.
„Bist du Marcos Frau?“
Tränen traten ihr in die Augen.