Die Stimme des alten Viktor zitterte so heftig, dass sie kaum zu hören war.
Die Menschen um den Sarg standen wie erstarrt da. Der Wind pfiff unaufhörlich durch die Grabsteine, doch niemand rührte sich. Alle starrten in den zerbrochenen Sarg, während Grom schwer keuchend daneben stand und nervös mit dem Huf im Boden scharrte.
Der Bauer lag da.
Aber irgendetwas stimmte nicht.
Ganz und gar nicht.
Sein Anzug war am Kragen zerrissen, als hätte er verzweifelt nach Luft gerungen. Seine Nägel waren abgebrochen und blutig. Die Innenseite des Deckels war von tiefen Kratzern durchzogen.
Und das Schlimmste war, dass sein Gesicht nicht wie das eines Toten aussah.
Es sah aus wie das Gesicht eines Mannes, der vor Entsetzen gestorben war.
Die Bäuerin schrie auf und griff sich an die Brust.
„Nein … nein …“
Der Sohn erbleichte augenblicklich.
Der Priester trat ein paar Schritte zurück und begann leise zu beten.
Doch Grom hielt nicht inne.
Das Pferd wieherte erneut laut und stieß seinen Kopf heftig in den Sarg, als wollte es noch immer etwas zeigen.
„Wartet …“, keuchte einer der Männer.
Er beugte sich näher.
Dann zuckte er plötzlich zusammen.
„Seht seine Hand!“
Die Finger des Bauern umklammerten ein Stück Stoff.
Dunkelblauer Stoff.
Der Sohn streckte langsam zitternd die Hand aus und zog den Stoff heraus.
Es war ein zerrissenes Stück Uniform.
Die Uniform des Bestattungsdienstes.
Eine Welle des Entsetzens ging durch die Menge.
„Was soll das bedeuten?“, flüsterte eine Frau.
Doch die Antwort kam fast sofort.
Eine Stimme ertönte vom hinteren Teil des Friedhofs:
„Das ist unmöglich … Ich habe ihn geschlossen.“
Alle drehten sich um.

Da stand ein junger Bestatter. Er war kreidebleich. Sobald er das zerrissene Stück Stoff in der Hand seines Sohnes sah, griff er sofort nach dem zerrissenen Ärmel seiner Uniform.
Und in diesem Moment begriffen die Leute.
Der Bauer war nicht tot, als sie ihn in den Sarg legten.
Er lebte noch.
Ein entsetzter Schrei hallte über den Friedhof.
Die Bäuerin sank auf die Knie.
„Oh mein Gott …“
Der Sohn packte den Bestatter am Mantel.
„Was habt ihr ihm angetan?!“
Der junge Mann begann zu zittern.
„Ich … ich weiß nicht … der Arzt sagte, er sei tot! Ich schwöre! Er hat sich nur … er hat sich nur bewegt, als wir den Sarg schlossen … Ich dachte, es wäre ein Reflex …“
Grom begann wieder unruhig auf und ab zu stampfen.
Als hätte er die Wahrheit schon immer gewusst.
Als ob er seinen Herrn ein letztes Mal retten wollte.
Der alte Tierarzt Pavel näherte sich langsam dem Sarg und sah dem Bauern ins Gesicht.
Dann sagte er leise einen Satz, der alle Anwesenden noch mehr erstarren ließ:
„Er ist vor der Beerdigung unter der Erde aufgewacht.“
Mehrere Frauen brachen in Tränen aus.
Ein Mann nahm seine Mütze ab und bekreuzigte sich.
Denn sie alle sahen dasselbe.
Blutige Finger.
Aufgeschürfte Ellbogen.
Die zerrissene Sargauskleidung.
Der Bauer hatte gekämpft.
Er hatte bis zum letzten Augenblick in dem geschlossenen Sarg um sein Leben gekämpft.
Und niemand hatte ihn gehört.
Niemand außer seinem Pferd.
Grom senkte langsam den Kopf zu dem zerbrochenen Sarg und schnaubte leise.
Der riesige Hengst, der noch vor wenigen Minuten wie ein wütendes Tier gewirkt hatte, sah plötzlich gebrochen aus.
Der Bauernsohn brach in Tränen aus, als hätte ihn noch nie jemand im Dorf gesehen.
Er umklammerte die leblose Hand seines Vaters und wiederholte immer wieder:
„Es tut mir leid … es tut mir leid …“
Doch das Schlimmste stand noch bevor.
Der Tierarzt untersuchte den Bauern erneut.
Dann wandte er sich dem Dorfarzt zu, der wie erstarrt danebenstand.
„Sagen Sie mir“, sagte er kalt, „warum steckt eine Nadel in seinem Hals?“
Der Arzt wurde kreidebleich.
Und in diesem Moment erinnerten sich einige Dorfbewohner an etwas Merkwürdiges.
Der Bauer war am Tag vor seinem vermeintlichen Tod noch gesund gewesen.
Er hatte auf dem Feld gearbeitet.
Er hatte gelacht.
Er wollte sich einen neuen Traktor kaufen.
Und dann plötzlich „starb er im Schlaf“.
Der Arzt wich zurück.
„Das beweist gar nichts.“
Doch seine Stimme versagte bereits.
Der Bauernsohn stand langsam auf.
„Was haben Sie ihm gegeben?“
Der Arzt schwieg.
Der Wind frischte auf, und Donner grollte über dem Friedhof.
Da sprach die Bäuerin.
Mit leiser Stimme.
Die Stimme einer Frau, deren Welt gerade zusammengebrochen war.
„Er wollte unser Land an Bauunternehmer verkaufen“, flüsterte sie. „Und mein Mann hat sich geweigert.“
Es herrschte absolute Stille auf dem Friedhof.
Der Arzt schloss die Augen.
Denn nun hatte jeder die Wahrheit begriffen.
Der Bauer war nicht durch einen Unfall gestorben.
Jemand wollte ihn verschwinden lassen.
Und ohne das treue Pferd wäre die Wahrheit für immer mit ihm unter der Erde begraben geblieben.