Einige lange Sekunden lagen sie beide da.

Der Waldläufer auf dem rissigen Eis, bis auf die Knochen durchnässt.

Und die Wölfin neben ihm, erschöpft, zitternd und kaum bei Bewusstsein.

Ihre Hüften hoben und senkten sich schnell. Ihr Bauch war riesig. Die Jungen standen kurz vor der Geburt.

Der Mann wich langsam zurück.

Er wusste, dass ein Raubtier ein Raubtier war. Eine plötzliche Bewegung konnte zu einem Kehlenschnitt führen.

Doch die Wölfin griff nicht an.

Sie starrte ihn nur mit ihren bernsteinfarbenen Augen an.

Und etwas Seltsames lag in diesem Blick.

Keine Dankbarkeit.

Eher Verzweiflung.

Dann versuchte sie aufzustehen.

Ihre Pfoten rutschten ab, und sie landete hart auf dem Eis.

Der Waldläufer fluchte leise.

„Verdammt …“

Er sah sich um.

Sie dort zurückzulassen, bedeutete den Tod.

Nicht nur für sie.

Für all die Jungen.

Also tat er etwas, was kein erfahrener Ranger jemals freiwillig tun würde.

Er trug sie nach Hause.

Die Reise war die Hölle.

Die Wölfin war schwer, und instinktiv versuchte sie sich immer wieder loszureißen. Der Mann schleifte sie auf einer alten Plane durch den Schnee, der Wind frischte auf und der Himmel verdunkelte sich.

Als sie endlich seine Hütte erreichten, spürte er seine Hände kaum noch.

Drinnen machte er ein Feuer im Ofen und legte die Wölfin in eine Ecke auf alte Decken.

Er schlief die ganze Nacht nicht.

Er saß da, das Gewehr auf die Knie gestützt, und beobachtete sie.

Die Wölfin beobachtete ihn ebenfalls.

Keiner von beiden traute dem anderen.

Gegen drei Uhr morgens begann etwas Schlimmes zu geschehen.

Die Wölfin wand sich vor Schmerzen.

Zuerst still.

Dann immer schlimmer.

Der Ranger verstand sofort.

Sie brachte ein Junges zur Welt.

Aber irgendetwas stimmte nicht.

Ein Junges war schwach geboren.

Das andere rührte sich gar nicht.

Die Wölfin stieß tiefe, furchterregende Laute aus, die die ganze Hütte erfüllten.

Und dann kam das Blut.

Zu viel Blut.

Der Waldläufer erbleichte.

So etwas hatte er noch nie erlebt, doch instinktiv kniete er sich neben sie.

„Beruhig dich … komm schon …“

Die Wölfin fletschte ihm die Zähne, so nah, dass er ihren Atem spüren konnte.

Aber sie griff nicht an.

Als ob sie begriff, dass sie ohne ihn nicht überleben würde.

Die nächste Stunde kämpften die beiden.

Ums Leben.

Um die Jungen.

Ums Überleben.

Es war still am Morgen.

Zu still.

Der Waldläufer lehnte an der Wand, seine Hände blutverschmiert, sein Atem stockend vor Erschöpfung.

Vier Welpen lagen neben der Wölfin.

Nur zwei atmeten.

Die Wölfin war so erschöpft, dass sie nicht einmal den Kopf hob.

Aber sie lebte.

Der Mann dachte, das Schlimmste sei überstanden.

Er irrte sich gewaltig.

Am nächsten Abend hörte er Geräusche draußen.

Zuerst in der Ferne.

Dann näher.

Das Knistern von Schnee.

Schritte.

Viele Schritte.

Der Förster stand langsam auf und griff nach seinem Gewehr.

Die Wölfin war sofort hellwach.

Das erste Heulen kam aus dem Wald.

Lang.

Dunkel.

Ein zweites Heulen antwortete.

Dann ein drittes.

Dem Mann stockte der Atem.

Ein Rudel.

Und es war kein kleines.

Die Wölfin versuchte aufzustehen, aber sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Ein weiteres Heulen kam direkt von vor der Hütte.

Dann ein Schlag gegen die Tür.

Lauter.

Noch einer.

Die Fenster erzitterten.

Der Wächter wich langsam zurück.

Wölfe kreisten draußen.

Dutzende Augen leuchteten in der Dunkelheit zwischen den Bäumen.

Und dann begriff er etwas Furchterregendes.

Sie waren nicht zum Jagen gekommen.

Sie waren wegen ihr gekommen.

Die Wölfin in der Ecke knurrte leise.

Nicht ihm zu.

Dem Rudel draußen.

Und dann bemerkte der Mann etwas, das er zuvor übersehen hatte.

Da war eine alte Narbe an ihrem Hals.

Rund.

Wie ein Halsband.

Sie war keine gewöhnliche Wölfin.

Jemand hatte sie einmal gehalten.

Vielleicht war sie zur Zucht eingesetzt worden.

Vielleicht war sie gejagt worden.

Und dem Verhalten des Rudels nach zu urteilen, war sie den anderen Wölfen wichtiger, als er sich hätte vorstellen können.

Das Hämmern an der Tür wurde lauter.

Eine Scheibe zersplitterte.

Der Ranger hob sein Gewehr.

Doch seine Hände zitterten.

Denn er begriff eine schreckliche Wahrheit:

Indem er eine sterbende Wölfin rettete …

hatte er womöglich die gesamte Wildnis vor seine Haustür gebracht.

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