Die tote Nonne wurde in ungewöhnlich bedrückender Stille in die Leichenhalle geschoben.

Es war nicht das erste Mal, dass eine Leiche aus dem Kloster hier auftauchte, doch diesmal war etwas anders. Schon die Ankunft war von einer Spannung begleitet, die sich weder durch Routinemüdigkeit noch durch professionelle Distanz erklären ließ.

Alex stand am Metalltisch und betrachtete die reglose Gestalt. Seine Finger umklammerten den Rand des Wagens fester, als ihm bewusst war. Als er den Leichenmantel anheben wollte, um die Leiche für die Autopsie vorzubereiten, erstarrte sein Blick. Ein kleiner, unregelmäßiger Riss klaffte im Stoff, genau im Bereich des Bauches. Etwas Dunkles schimmerte hindurch.

„Doktor, kommen Sie und sehen Sie sich das an“, sagte er leise, ohne den Blick abzuwenden.

Dr. John Carter näherte sich langsam. Seine Schritte waren ruhig, fast mechanisch, wie er es sich in den Jahren seiner Praxis angewöhnt hatte. Doch sobald sein Blick auf der Leiche ruhte, veränderte sich etwas. Der Raum schien abzukühlen.

„Das wird ein Tattoo“, sagte er unsicher, eher ein Versuch, die Situation zu beruhigen, als eine wirkliche Erklärung.

Joanna, die daneben gestanden hatte, beugte sich näher. „Eine Nonne mit einem Tattoo? Das ergibt keinen Sinn.“

John schwieg einen Moment. Dann nahm er wortlos eine Schere und schnitt vorsichtig den Stoff auf. Die drei beugten sich über die Leiche.

Was sie sahen, war kein Tattoo.

Eine Botschaft war auf die Haut geschrieben, präzise und deutlich. Die Schrift war zittrig, als wäre sie in den letzten Augenblicken des Lebens entstanden, aber jedes Wort war lesbar:

„Führt keine Autopsie durch. Wartet zwei Stunden. Was ihr braucht, ist in meiner Tasche.“

Eine Stille senkte sich über den Raum, die niemand brechen wollte.

„Das ist doch ein Witz“, hauchte Alex, doch seine Stimme klang hohl.

John richtete sich auf. Seine Augen waren voller Misstrauen, vermischt mit etwas Tieferem, fast instinktiver Angst. „Schau in die Tasche“, sagte er schließlich.

Alex zögerte nur kurz. Seine Hand glitt in die Tasche seines Gewandes. Zuerst spürte er nichts, nur kühlen Stoff. Dann berührten seine Finger etwas Hartes.

Langsam zog er es heraus.

Es war eine kleine, versiegelte Metalldose, die auf den ersten Blick alt aussah. Auf ihrer Oberfläche war ein Symbol eingraviert, das keiner von ihnen sofort deuten konnte. Es war nicht religiös, zumindest nicht im traditionellen Sinne. Es wirkte uralt, fast vergessen.

„Mach sie auf“, flüsterte Joanna.

„Nein“, erwiderte John schärfer, als er beabsichtigt hatte. „Nicht jetzt.“

Er stellte die Dose auf den Tisch und sah auf die Uhr. „Zwei Stunden. Wenn es eine Falle ist, werden wir es herausfinden. Wenn nicht …“

Er beendete den Satz nicht.

Die Zeit verging langsamer als sonst. Jede Minute schien länger als die vorherige. Niemand sprach. Jeder von ihnen warf ab und zu einen Blick auf die Leiche, als würde er erwarten, dass sie sich bewegte. Doch die Nonne lag still da, ihr Gesicht ruhig, fast friedlich.

Nach einer Stunde konnte Joanna nicht mehr anders. „Was, wenn es eine Warnung ist?“

John schüttelte den Kopf. „Eine Warnung wovor? Eine Autopsie ist Standard.“

„Was, wenn wir das gar nicht tun sollen?“, insistierte sie.

Alex lehnte sich an die Wand. „Was, wenn das alles inszeniert wurde?“

John antwortete nicht. Stattdessen betrachtete er die Kiste erneut.

Als die zwei Stunden endlich vorbei waren, war die Spannung fast unerträglich. John zog Handschuhe an und hob die Kiste hoch. Das Metall war kalt, schwerer als erwartet.

Vorsichtig öffnete er sie.

Darin befanden sich ein gefaltetes Stück Papier und ein kleines Glasfläschchen mit klarer Flüssigkeit.

John entfaltete zuerst das Papier.

Der Text war in derselben zittrigen Schrift verfasst wie die Botschaft auf der Leiche:

„Wenn du das liest, hast du zugehört. Danke. Was ich in mir trage, ist keine Krankheit, sondern ein Überträger. Hättest du sofort eine Autopsie durchgeführt, hättest du ihn freigesetzt. Die Flüssigkeit in der Ampulle ist die einzige Möglichkeit, ihn zu neutralisieren. Benutze sie, bevor das Gewebe zu verwesen beginnt.“

Joanna wich einen Schritt zurück. „Das ist unmöglich.“

Alex starrte die Ampulle an. „Was bedeutet ‚es‘?“

John hob langsam den Blick. „Ich weiß es nicht. Aber wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit daran ist, haben wir gerade etwas verhindert, das weit über diese Mauern hinaus Konsequenzen hätte haben können.“

Er betrachtete die Leiche der Nonne erneut. Diesmal nicht als gewöhnlichen Fall.

Sondern als stille Warnung, die im letzten Moment gekommen war.

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