Der Bildschirm zeigte den stillen Raum, das kalte Neonlicht, den reglosen Körper im weißen Kleid. Die Uhrzeit lief in der Ecke mit.
03:17.
Zuerst dachte er, es sei ein Bildfehler.
Der Brustkorb.
Minimal. Kaum sichtbar. Ein flaches, unregelmäßiges Heben.
Er beugte sich näher an den Monitor. Spulte zurück. Spielte es erneut ab.
Da war es wieder.
Kein Muskelzucken. Kein postmortaler Reflex.
Ein Atemzug.
Sein Herz begann zu rasen. Er riss die Tür auf und rannte den Flur entlang zur Kabine. Seine Hände zitterten, als er den Schlüssel ins Schloss steckte.
Als er die Tür aufstieß, war der Raum still.
Zu still.
Er trat näher.

Ihre Finger bewegten sich. Nicht krampfartig – gezielt. Schwach, aber koordiniert.
Ihre Lippen bebten. Ein leises, raues Geräusch entwich ihrer Kehle.
Er griff nach ihrem Handgelenk.
Puls.
Schnell. Unregelmäßig. Aber eindeutig.
„Hörst du mich?“, flüsterte er.
Ihre Augenlider flatterten.
Langsam öffneten sie sich.
Der Blick war trüb, verwirrt – aber lebendig.
Sie versuchte zu sprechen. Es kam nur ein heiseres Krächzen.
Er beugte sich näher.
Ein einziges Wort formte sich auf ihren Lippen:
„Wasser…“
Er griff sofort zum Telefon.
„Reanimation! Sofort in Kabine drei! Sie lebt!“
Diesmal diskutierte niemand. Als der Arzt eintraf und selbst das Stethoskop ansetzte, wich ihm die Farbe aus dem Gesicht.
Ein klarer, tachykarder Herzschlag.
Die Diagnose „Vergiftung“ bekam plötzlich eine andere Bedeutung.
Im Krankenhaus wurde sie stabilisiert. Es stellte sich heraus, dass sie eine seltene toxische Reaktion auf ein Beruhigungsmittel erlitten hatte – ausgelöst durch eine Substanz im Hochzeitsgetränk. Ihr Stoffwechsel war extrem verlangsamt worden. Puls und Atmung waren so schwach gewesen, dass sie in der Notaufnahme übersehen worden waren.
Aber es war keine zufällige Überdosierung.
Die Blutwerte zeigten ein gezielt verabreichtes Mittel in ungewöhnlicher Konzentration.
Als die Polizei begann, Fragen zu stellen, tauchten weitere Details auf.
Die Getränke für die Braut waren ausschließlich vom Bräutigam gebracht worden.
Auf den Überwachungskameras der Location war zu sehen, wie er kurz vor dem Anstoßen etwas in ihr Glas gab.
Und während alle in der Leichenhalle um ihren „Tod“ trauerten, hatte er auffallend schnell die Formalitäten zur Lebensversicherung eingeleitet.
Als man ihn konfrontierte, wiederholte er immer wieder nur einen Satz:
„Sie sollte nicht leiden.“
Doch die Ermittlungen ergaben etwas anderes: massive Schulden. Eine hohe Versicherungssumme. Und eine Affäre.
Die Braut überlebte.
Wochen später kam sie in die Leichenhalle zurück – diesmal auf eigenen Beinen, blass, aber aufrecht.
Sie wollte dem Pfleger danken.
„Sie haben mir das Leben gerettet“, sagte sie leise.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein“, antwortete er ruhig. „Sie waren nie tot.“
Dann erinnerte er sich an die Worte seines Oberarztes:
Nicht die Toten sind das, wovor du dich fürchten musst.
Sondern die, die herumlaufen und lächeln.