Nach über einer Stunde klingelte das Telefon.

Nicht der Sohn.

Der Lagerleiter.

Die Stimme war angespannt, aber beherrscht: „Bitte bleiben Sie ruhig. Alle Jungen sind in Sicherheit.“

Der Mutter wurden die Knie weich.

Es stellte sich heraus, dass das Foto tatsächlich ein Braunbärenjunges zeigte, das sich an den Rand des Zeltplatzes verirrt hatte. Die Kinder hatten es vor den Erwachsenen bemerkt. Bevor irgendjemand die Gefahr erkannte, stand einer der Jungen – ihr Sohn – bereits zu nah.

Die Betreuer griffen sofort ein.

Der erfahrene Leiter entdeckte frische Spuren und Kot einige Dutzend Meter von den Zelten entfernt. Das bedeutete nur eines: Das Weibchen war in der Nähe. Und für einen Braunbären ist die Verteidigungsreaktion einer Mutter mit ihrem Jungen eine der gefährlichsten Situationen in der europäischen Natur.

Die Kinder wurden ruhig und ohne Panik in den Futterunterstand gebracht. Niemand rannte weg. Niemand schrie. Die Betreuer benutzten tiefe Pfiffe – ein vorher vereinbartes Signal zum Zusammenkommen.

Und dann geschah es.

Ein Weibchen kam aus dem Wald.

Nicht aggressiv. Aber bestimmt.

Sie richtete sich auf, um genauer hinzusehen. Sie schnupperte. Die Luft war erfüllt vom Geruch von Essen und Menschen. Das Junge, das inzwischen zwischen den Zelten verschwunden war, stieß einen kurzen Piepser aus.

Die Spannung hielt vielleicht dreißig Sekunden an. Für Erwachsene eine Ewigkeit.

Der Lagerleiter – ein ehemaliger Förster – wusste, dass Weglaufen den Jagdinstinkt auslösen würde. Deshalb wählten sie eine andere Taktik: Sie bildeten eine enge Gruppe, hoben die Hände, um größer zu wirken, und begannen mit tiefer, ruhiger Stimme zu sprechen.

Keine plötzlichen Bewegungen.

Kein Blickkontakt als Herausforderung.

Das Weibchen schnaubte, ging wieder auf alle Viere und steuerte direkt auf die Zelte zu. In diesem Moment feuerte einer der Ausbilder eine Signalrakete ab – nicht auf das Tier, sondern zur Seite, um einen akustischen und optischen Reiz zu erzeugen.

Das war der entscheidende Faktor.

Das Junge rannte hinter den Zelten hervor und auf seine Mutter zu. Beide verschwanden zwischen den Bäumen.

Erst da bemerkte der Leiter, dass das Handy des Jungen neben dem Schlafsack lag – deshalb hatte die Mutter keine Antwort bekommen.

Das Lager wurde sofort in eine nahegelegene Berghütte evakuiert und die Naturschutz-Einsatzgruppe alarmiert. Der Ort wurde die nächsten Tage überwacht.

Als man der Mutter die Situation erklärte, zitterte ihre Stimme: „Er dachte, es wäre nur ein pelziger Freund …“

„Mit sieben Jahren ist das verständlich“, antwortete der Leiter. „Er hat nichts falsch gemacht. Er hat ruhig reagiert, als wir ihn riefen. Das war entscheidend.“

Am Abend rief ihr Sohn sie schließlich auch an.

„Mama, der Teddybär hatte eine Mama“, sagte er leise. „Und sie war ganz groß.“

„Ich weiß“, antwortete sie, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag traten ihr Tränen in die Augen. „Und wissen Sie, wir beobachten solche Tiere nur aus der Ferne.“

Der Vorfall endete glimpflich. Es hätte aber auch anders ausgehen können.

Bei Raubtieren wie Braunbären tragen Weibchen mit Jungen das größte Risiko. Sie greifen nicht aus Hunger an, sondern aus Selbstverteidigung.

An diesem Abend wurde der Mutter zweierlei klar:

Erstens: Die Natur ist kein Märchen.

Zweitens: Manchmal entscheiden Sekunden, die Erfahrung der Erwachsenen und ob die Jungen auf den ersten Befehl hören.

Ihr Sohn hatte Glück.

Und auch die Anführer, die wussten, was zu tun war.

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