Wir fuhren auf der Autobahn durch einen so dichten und dunklen Wald, dass selbst die Scheinwerfer des Autos schwach wirkten.

Der Regen hatte erst vor wenigen Minuten aufgehört, und der Asphalt war noch immer glänzend, glatt und still. Es war eine dieser Fahrten, bei denen man die Umgebung vergisst, weil alles so friedlich erscheint. Wir unterhielten uns über Alltägliches – Abendessen, Arbeit, endlich wieder im eigenen Bett schlafen zu können.

Wir ahnten nicht, dass diese Ruhe in wenigen Sekunden jäh zerstört werden würde.

Etwas bewegte sich rechts aus dem Wald. Zuerst dachte ich, es sei nur ein Schatten, vielleicht eine Hirschkuh. Dann stürzte es direkt auf die Straße.

Mein Mann trat so stark auf die Bremse, dass das Auto ruckelte. Der Sicherheitsgurt drückte schmerzhaft gegen meine Brust. Ein riesiger Bär stand vor uns.

Es war kein Junges. Er war massig, schwer und dunkel. Sein Fell war nass und glänzte im Scheinwerferlicht. Er stand kaum einen Meter von der Motorhaube entfernt. Er stand auf den Hinterbeinen und wirkte in diesem Moment unglaublich groß, fast unwirklich. Als ob er nicht in diese Welt gehörte.

Ich starrte ihn an und rang nach Luft. Der Bär sah uns direkt an. Er drehte den Kopf nicht, er schnupperte nicht. Er starrte uns einfach nur an. Langsam, konzentriert. Langsam, sicher machte er einen Schritt auf das Auto zu. Wie jemand, der weiß, dass er die Oberhand hat.

Ein einziger Gedanke schoss mir durch den Kopf: Jetzt geht es los. Die geschlossenen Fenster, das dünne Metall, das Glas – plötzlich wirkte alles lächerlich zerbrechlich. Ich wusste, wenn er angriff, waren wir völlig schutzlos. Mein Mann ließ das Tier keine Sekunde aus den Augen. Wortlos legte er den Rückwärtsgang ein und fuhr langsam zurück. Der Bär beobachtete uns. Jeder Meter zurück schien endlos. Die Reifen rutschten leicht auf der nassen Straße. Wir wagten uns kaum zu bewegen, kaum zu atmen. Ich erwartete einen Schlag, einen Ruck, zersplitterndes Glas. Nichts dergleichen geschah.

Stattdessen machte der Bär einen weiteren Schritt. Dann hielt es inne. Es senkte den Kopf. Und da bemerkte ich etwas, was ich aus Angst zuvor übersehen hatte.
Seine Bewegungen waren nicht aggressiv. Sie waren … langsam. Unsicher.
Es setzte sein Hinterbein vorsichtig auf, als hätte es Schmerzen. Als es wieder aufstand, schwankte es leicht. In diesem Moment verschwand die furchterregende Bedrohung von ihm. Plötzlich war es kein Raubtier mehr. Es war ein Wesen, das etwas brauchte.
Der Bär drehte sich zur Seite. Und wir sahen es.
Eine tiefe Wunde klaffte an seinem Oberschenkel. Das Fell um die Wunde war blutverkrustet. Offensichtlich war es von einem anderen Auto angefahren worden. Vielleicht hatte es zuvor versucht, die Straße zu überqueren. Vielleicht war es in den Wald geflüchtet und erst jetzt waren die Schmerzen so stark geworden, dass es zurückgekommen war.
Es stand nicht da, um anzugreifen.

Es stand da, weil es nicht mehr weiterkonnte.
Wir hielten abrupt an. Der Motor lief. Wir saßen schweigend da. Der Bär setzte sich langsam mit dem Rücken zu uns auf die Straße. Es schaute nicht mehr hin. Es war, als ob es uns nicht mehr wahrnahm.

Mein Mann griff zum Telefon und rief die Polizei. Er schilderte die Situation ruhig und sachlich. Wir warteten.

Innerhalb von fünfzehn Minuten traf die Streife ein, und einen Augenblick später die Naturschutzhelfer. Der Bär saß derweil immer noch da. Er rührte sich nicht. Es war, als ob er wusste, dass Hilfe in der Nähe war.

Als sie ihn einschläfern ließen und verladen, empfand ich etwas Unerwartetes. Keine Erleichterung. Kein Triumph. Sondern Scham.

Die ganze Zeit hatte ich nur eine Bedrohung in ihm gesehen. Tod. Gefahr. Und doch war es ein verletztes Tier, das sich in einer fremden Welt wiedergefunden hatte.

Wir fuhren als Letzte fort. Die Straße war wieder leer. Der Wald war still. Wie zuvor.

Aber wir waren nicht mehr dieselben.

Seit dieser Nacht weiß ich, dass nicht alles, was uns Angst macht, uns wehtun will. Manchmal sieht die Angst den Schmerz – und wir erkennen ihn nur nicht sofort.

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