Sie stand mit einer einfachen Plastiktüte in der Hand im Flur des städtischen Krankenhauses. Sie war leicht, aber dennoch unerträglich schwer. Sie enthielt alles, was nach monatelanger Behandlung von ihrer Mutter übrig geblieben war. Für das Personal waren es nur Dinge, Gegenstände, die verteilt wurden. Für Anna war es ein ganzes Universum, das gerade zusammengebrochen war.
Die Krankenschwester der Onkologie, eine Frau mit müden Augen und leiser Stimme, reichte ihr die Tüte und fügte hinzu, dass noch ein Bademantel und Hausschuhe auf dem Nachttisch lägen. Sie sagte, Annas Mutter sei außergewöhnlich geduldig, gütig und tapfer gewesen. Jeder, der sie betreut hatte, habe sie gemocht.
Anna nickte nur. Wenn sie sprach, würde sie weinen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ihre Mutter noch da gelegen, gelächelt, gescherzt und versucht, ihre Tochter zu beruhigen. Sie hatte davon erzählt, was sie unternehmen würden, wenn sie nach Hause käme. Von dem Kuchen, den sie backen würde. Von dem Spaziergang, den sie zusammen machen würden. Aber es gab kein Zurück mehr.
Zuhause stellte sie die Tasche auf den Küchentisch und starrte sie lange an. Sie wusste, sobald sie sie öffnete, würde sie endgültig akzeptieren, dass ihre Mutter nicht mehr da war. Dass alles, was von ihr übrig war, diese Dinge waren. Die Stille in der Wohnung war ohrenbetäubend.
Schließlich holte sie tief Luft und löste langsam den Knoten.
Sie nahm die Sachen einzeln heraus. Den blauen Bademantel, den ihre Mutter so geliebt hatte. Bestickte Hausschuhe. Ein Gedichtband mit Filzseiten. Alles roch nach Zuhause, nach Geborgenheit, nach etwas, das nie wiederkommen würde.
Als Anna ihren Morgenmantel hochhob, um ihn zusammenzulegen, geschah etwas Unerwartetes. Ein gefaltetes Stück Papier fiel aus ihrer Brusttasche und landete sanft auf dem Tisch.
Sie erschrak. Ihre Mutter war immer so gewissenhaft und systematisch gewesen. Sie hatte nie etwas in ihren Taschen vergessen. Der Anblick beunruhigte sie.
Langsam faltete sie das Papier auseinander.
Sie erkannte die Handschrift sofort. Sanfte Striche, leicht schräge Buchstaben. Die Hand, die ihr einst das Schreiben beigebracht hatte. Ihr Herz zog sich so heftig zusammen, dass sie sich aufsetzen musste.

Sie begann zu lesen.
„Annie, wenn du diese Zeilen liest, bedeutet es, dass ich nicht mehr da bin. Bitte weine nicht. Mein ganzes Leben lang hatte ich nur vor einer Sache Angst – dass du allein zurückbleibst und die Wahrheit nicht erfährst.“
Anna spürte, wie ihre Hände zitterten.
„Ich habe dir nie etwas erzählt. Nicht, weil ich dir nicht geglaubt hätte. Sondern weil ich Angst hatte. Dein Vater, den du nie kennengelernt hast, ist nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen, wie ich dir erzählt habe. Er ist gegangen. Aus freiem Willen. Als ich es erfuhr, war ich schwanger.“
Anna stockte der Atem.
„Er war verheiratet. Er hat versprochen, alles in Ordnung zu bringen, aber er hat es nicht getan. Ich war allein, ohne Unterstützung, mit einem kleinen Kind. Ich habe mir geschworen, dass du dich nie unerwünscht fühlen würdest. Und ich glaube, das ist mir gelungen.“
Tränen fielen auf das Papier, aber Anna las weiter.
„Aber da ist noch etwas. Du hast einen Halbbruder. Er heißt Michal. Er ist zwei Jahre älter als du. Er wusste nie von dir. Und du wusstest auch nichts von ihm. Ich habe einen Umschlag mit einer Adresse und seinem Foto in die Schlafzimmerschublade gelegt. Ich habe lange gezögert, ob ich es dir sagen soll. Schließlich habe ich verstanden, dass die Wahrheit weniger schmerzt als Schweigen.“
Anna hielt sich die Hand vor den Mund.
„Ich wollte nicht, dass du etwas aus Pflichtgefühl tust. Ich wollte dir nur sagen, woher du kommst. Und dass du das Beste warst, was mir je passiert ist. Ich habe keine einzige Minute mit dir bereut.“
Die Nachricht endete mit einem einfachen Satz:
„Lebe. Und verschwende keine Zeit mit Angst.“
Anna saß lange regungslos da. Ihr ganzes Leben, das sie für selbstverständlich gehalten hatte, zerbrach innerhalb weniger Minuten und wurde in anderer Form wieder zusammengesetzt. Ihre Mutter hatte ein Geheimnis mit ins Grab genommen, doch es fand schließlich seinen Weg ans Licht.
An diesem Abend öffnete sie eine Schublade in ihrem Schlafzimmer. Sie fand einen Umschlag. Ein Foto eines fremden Mannes mit ihren Augen. Eine Adresse. Ein Name.
Sie wusste nicht, was sie als Nächstes tun sollte. Doch zum ersten Mal seit der Beerdigung spürte sie mehr als nur Schmerz. Sie spürte einen seltsamen Frieden. Es war, als hielte ihre Mutter auch nach ihrem Tod noch ihre Hand und flüsterte ihr zu, dass die Wahrheit, so schmerzhaft sie auch sein mag, manchmal das letzte Geschenk sei.
Und dieser Zettel, den sie in der Tasche ihres Bademantels vergessen hatte, veränderte Annas Leben mehr als alles, was sie je zuvor gekannt hatte.