Ein Mann sah am Straßenrand eine obdachlose Frau, die seiner seit einem Jahr vermissten Frau zum Verwechseln ähnlich sah. Nachdem er sie gebeten hatte, ihr Aussehen zu verändern, entdeckte er etwas viel Schrecklicheres.

Fast ein Jahr lang lebte er in Ungewissheit.

Seine Frau Laura verschwand eines Abends auf dem Heimweg von der Arbeit. Ihr Auto wurde einige Kilometer entfernt gefunden, unverschlossen und verlassen. Ihr Handy lag auf dem Beifahrersitz.

Doch von Laura fehlte jede Spur.

Die Polizei befragte Dutzende von Menschen.

Sie durchsuchten Wälder, Straßenränder und verlassene Gebäude.

Nichts.

Keine Leiche.

Kein Brief.

Keine Neuigkeiten.

Nur ein Foto einer Frau, die spurlos verschwunden zu sein schien.

Ihr Mann Daniel lebte derweil weiter, doch jeden Tag hoffte er, irgendwo ihre Stimme zu hören.

Eines regnerischen Morgens fuhr er am alten Markt vorbei, als er eine Frau bemerkte, die an einer Mauer lehnte.

Sie war jung.

Sie trug eine schmutzige Jacke, zerrissene Stiefel und hatte langes, verfilztes Haar.

Normalerweise wäre Daniel an ihr vorbeigefahren.

Doch dann bog sie ab.

Und er bremste abrupt.

Dieses Gesicht.

Ihm stockte der Atem.

Dieselbe Augenpartie.

Dieselbe Kinnlinie.

Sogar die kleine Narbe über ihrer linken Augenbraue, die Laura seit ihrer Kindheit hatte.

Daniel stieg aus dem Auto.

Die Frau stand erschrocken auf.

„Was wollen Sie?“

Daniel starrte sie einige Sekunden lang an.

Dann zog er sein Handy heraus und zeigte ihr das Foto.

„Sehen Sie.“

Die Frau runzelte die Stirn.

„Sind Sie das?“

„Nein.“

Daniel schüttelte den Kopf.

„Das ist meine Frau.“

Die Frau betrachtete das Foto erneut.

„Warum zeigen Sie mir das?“

Daniel schluckte.

„Weil Sie genauso aussehen.“

Die Frau lachte nervös.

„Das ist unmöglich.“

„Ich brauche deine Hilfe.“

„Wie?“

Daniel bot ihr eine Summe Geld an, die für eine Obdachlose unvorstellbar war.

„Ich möchte, dass du für ein paar Wochen meine Frau spielst.“

Die Frau lehnte sofort ab.

„Das ist doch verrückt.“

„Ich bezahle dich im Voraus.“

„Nein.“

„Du bekommst eine eigene Wohnung. Kleidung. Einen Arzt. Und genug Geld, um nie wieder auf der Straße schlafen zu müssen.“

Die Frau schwieg.

Daniel fuhr fort:

„Ich muss nur sehen, ob jemand auf dein Aussehen reagiert.“

Nach langem Zögern willigte sie ein.

Noch am selben Tag brachten sie sie zu einem privaten Friseursalon.

Sie bekam neue Kleidung, wurde gewaschen, die Haare gemacht, und ihr Aussehen veränderte sich.

Daniel saß im Wartezimmer.

Als die Friseurin begann, ihr die langen Haare zu schneiden, schloss die Frau nervös die Augen.

Stunden vergingen.

Schließlich trat die Friseurin zurück.

„Fertig.“

Daniel blickte auf.

Und wurde blass.

Diesmal lag es nicht an der Ähnlichkeit.

Es lag an den Haaren.

Als die Frau ihre langen, verfilzten Haare verlor, erschien eine kleine Narbe an ihrem Hinterkopf.

Daniel kannte sie.

Laura hatte sie seit ihrer Kindheit.

Aber er wusste auch etwas, was sonst niemand wusste.

Die Narbe stammte von einem Unfall, über den Laura nie mit jemandem außer ihm gesprochen hatte.

Daniel stand langsam auf.

„Woher haben Sie diese Narbe?“

Die Frau berührte ihren Hinterkopf.

„Ich weiß es nicht.“

„Was meinen Sie?“

„Ich erinnere mich nur an das, was mir andere erzählt haben.“

„Wer?“

Die Frau hielt inne.

„Ich weiß es nicht.“

Daniels Magen verkrampfte sich.

„Wie lange leben Sie schon auf der Straße?“

„Ungefähr ein Jahr.“

„Glaube ich?“

„Ich habe keine genauen Erinnerungen.“

Daniel starrte sie an.

„Woran erinnern Sie sich?“

Die Frau schloss die Augen.

„An ein Auto.“

Daniel erstarrte.

„Welches Auto?“

„Schwarz.“

„Und dann?“

„Regen. Jemand schrie.“

Daniel wurde kreidebleich.

„Was noch?“

Die Frau presste die Hände an die Schläfen.

„Dann der Schlag. Dann wachte ich in einem Krankenhaus auf.“

Daniel wich zurück.

„Welches Krankenhaus?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wer hat Sie dorthin gebracht?“

„Ich weiß es nicht.“

Daniel rief sofort die Polizei.

Wenige Stunden später wurde die Frau zur Untersuchung gebracht.

Die Polizei ließ ihre Fingerabdrücke mit der Vermisstendatenbank abgleichen.

Die Ergebnisse kamen am nächsten Morgen.

Daniel saß im Zimmer, als der Ermittler ihm ein Dokument vorlegte.

„Wir müssen mit Ihnen sprechen.“

Daniel sah sich das Papier an.

„Ist sie das?“

Der Polizist nickte.

„Ja.“

Daniel brach in Tränen aus.

Fast ein Jahr später wurde Laura lebend gefunden.

Doch damit war der Fall noch lange nicht abgeschlossen.

Nach und nach begannen Laura sich zu erinnern.

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