Vielleicht lag es daran, dass ihre Schwiegermutter ihr nach monatelangen Spannungen zum ersten Mal so etwas wie Freundlichkeit entgegengebracht hatte.
„Komm mit mir aufs Land“, sagte sie. „Dort ist es ruhig. Du kannst dich ausruhen, und dem Baby würde die frische Luft bestimmt guttun.“
Thérèse war im letzten Monat ihrer Schwangerschaft. Sie war müde, nervös und gleichzeitig glücklich, denn der Tag, an dem sie ihr Kind endlich sehen würde, rückte näher.
Ihr Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter war jedoch nie einfach gewesen.
Seit ihrer Hochzeit hatte sie das Gefühl, ihre Frau halte sie für unwürdig ihres Sohnes. Sie kritisierte ihre Arbeit, ihre Kleidung, ihre Kochkünste und die Art, wie sie den Haushalt führte.
Thérèse versuchte, die Konflikte zu ignorieren.
Sie wollte nicht, dass ihr Mann sich zwischen Mutter und Ehefrau entscheiden musste.
Deshalb war sie an jenem Tag überrascht, als ihre Schwiegermutter ihr eine Mitfahrgelegenheit anbot.
„Ich dachte, du magst mich nicht“, sagte Thérèse mit einem nervösen Lächeln.
„Manchmal brauchen Menschen Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen“, erwiderte die Frau.
Thérèse stieg ein.
Sie ahnte nicht, dass sie gleich in das Auto steigen würde, das ihr zum Verhängnis werden sollte.
Die Fahrt begann ruhig.
Ihre Schwiegermutter sprach über das Baby.
Sie fragte, ob sie schon einen Namen ausgesucht hätten.
Sie lächelte sogar.
Nach wenigen Kilometern jedoch wurde Thérèse nervös.
Die Straße führte immer weiter weg von der Stadt.
„Wo genau ist das Haus?“, fragte sie.
„Das wirst du schon sehen.“
Nach einer Weile tauchte vor ihnen ein alter Bahnübergang auf.
Es gab fast keine Häuser in der Nähe.
Nur die Gleise, ein paar Bäume und das verlassene Gebäude des ehemaligen Bahnhofs.
Ihre Schwiegermutter bremste plötzlich.
„Was ist los?“
„Mit dem Auto stimmt etwas nicht.“
Die Frau stellte den Motor ab.
Sie stieg aus und ging um das Auto herum.
Thérèse wartete.
Dann hörte sie ein Klicken.
Die Tür war verriegelt.
„Was machst du da?“
Die Schwiegermutter stand draußen.
Sie hielt die Schlüssel in der Hand.
Thérèse rüttelte mehrmals am Türgriff.
Nichts.
„Mach die Tür auf.“
Die Schwiegermutter sah sie durchs Fenster an.
Ihr Blick war nicht mehr freundlich.
„Entschuldige.“
Thérèse erstarrte.
„Wozu?“
„Mein Sohn wird ohne dich glücklicher sein.“
Ein paar Sekunden lang verstand sie die Worte nicht.
Dann schrie sie auf.
„Mach mir die Tür auf!“
Die Schwiegermutter wich zurück.
„Es hat keinen Sinn zu schreien.“
„Ich bin schwanger!“
„Deshalb muss es schnell vorbei sein.“
Thérèse wurde übel.
Sie versuchte, die Tür zu öffnen.
Sie zog an der Klinke.
Sie hämmerte gegen das Fenster.
Ihr Handy lag in ihrer Handtasche auf dem Boden.
Sie griff danach.
In diesem Moment hörte sie ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
In der Ferne ertönte ein Zugpfiff.
Zuerst leise.
Dann wieder.
Näher.
Thérèse blickte nach vorn.
Die Gleise führten direkt am Auto vorbei.
Erst jetzt begriff sie den ganzen Plan.
Ihre Schwiegermutter hatte sie nicht ins Land gebracht.
Sie hatte sie hierher gebracht.
Sie wollte, dass ihr Tod wie ein Unfall aussah.
Thérèse suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

Ihr Sicherheitsgurt hatte sich in ihrer Panik verheddert.
Sie zog daran.
Nichts.
Sie versuchte es erneut mit dem Türgriff.
Verriegelt.
Der Zug kam immer näher.
„Hilfe!“
Währenddessen wich die Schwiegermutter vom Waggon zurück.
„Bitte!“, schrie Thérèse.
Die Frau drehte sich um.
„Niemand wird dir helfen.“
Und dann ging sie.
Thérèse begann zu weinen.
Doch als der Zug näher kam, bemerkte sie etwas, das ihr vorher entgangen war.
Auf der anderen Seite der Gleise stand ein kleines Betriebsgebäude.
An der Tür stand ein Mann in einer Warnweste.
Ein Bahnmitarbeiter.
Thérèse begann zu winken.
Der Mann bemerkte sie.
Zuerst verstand er nicht, warum die Frau im Auto so verzweifelt auf ihn zuwinkte.
Dann sah er die Gleise.
Und den herannahenden Zug.
Ihm war sofort klar, dass etwas nicht stimmte.
Er rannte zum Telefon im Gebäude und rief die Leitstelle an.
„Notbremsung! Fahrzeug auf den Gleisen!“
Der Zug war schon sehr nah.
Thérèse presste sich in ihren Sitz.
Sie hörte ein Hupen.
Die Räder begannen zu bremsen.
Aber es war zu spät für einen sofortigen Stopp.
Zum Glück konnte der Mitarbeiter den Lokführer noch rechtzeitig warnen.
Der Zug bremste stark ab.
Thérèse schloss die Augen.
Sie erwartete einen Zusammenstoß.
Stattdessen hörte sie das Quietschen der Bremsen und ein metallisches Geräusch, das ihr durch Mark und Bein ging.
Der Zug hielt nur wenige Meter vor dem Auto.
Thérèse weinte erleichtert auf.
Die Autotür öffnete sich.
Der Bahnmitarbeiter zog sie heraus.
„Geht es Ihnen gut?“
Thérèse konnte nicht antworten.
Sie legte nur die Hände auf ihren Bauch.
„Mein Kind.“
„Der Krankenwagen ist unterwegs.“
Wenige Minuten später trafen Polizei und Rettungssanitäter ein.
Thérèse wurde ins Krankenhaus gebracht.
Glücklicherweise überlebten sowohl sie als auch das Baby.
In der Zwischenzeit suchte die Polizei nach ihrer Schwiegermutter.
Sie mussten nicht weit suchen.
Die Frau kehrte nach Hause zurück, überzeugt, ihr Plan sei aufgegangen.
Sie ahnte nicht, dass sie von einer Überwachungskamera am Bahnübergang gefilmt worden war.
Die Aufnahmen zeigten alles.
Die Ankunft des Wagens.
Der Ausstieg der Frau.
Das Abschließen des Wagens.
Ihre Abfahrt.
Und der anschließende Halt des Zuges.
Als die Polizei am Haus eintraf, versuchte die Schwiegermutter zu behaupten, Thérèse habe den Wagen wegen einer Panne verlassen.
Doch ihr Handy verriet viel mehr.
Die Polizei fand eine Fahrplanabfrage und mehrere Nachrichten darauf, die bewiesen, dass sie genau wusste, wann der Zug durchfahren sollte.
Ihr Plan war einfach.
Thérèse sollte sterben.
Alle anderen sollten glauben, es sei ein tragischer Unfall gewesen.
Und ihr Sohn sollte Witwer bleiben und nie die Wahrheit erfahren.
Doch etwas ging schief.
Jemand bemerkte den Wagen auf den Gleisen.
Und diese wenigen Minuten veränderten alles.