Ein Schrei hallte über den Friedhof.
Mehrere Frauen wichen zurück. Zwei von Henrys Freunden sprangen sofort ein, um den Retriever wegzuziehen. Doch Buddy griff nicht wie ein tollwütiges Tier an. Er sah sich nicht um, er versuchte niemanden zu beißen.
Er fixierte nur eine Person.
Den Priester.
Der Mann in Schwarz wurde kreidebleich und riss seine Hand von dem Hund weg. Doch in diesem Moment knallte es laut.
Buddy ließ nicht los.
Der Ärmel war fast bis zum Ellbogen zerrissen.
Und da bemerkten alle etwas Seltsames.
An der Innenseite des Arms des Priesters prangte ein langer, frischer Kratzer. Keine gewöhnliche Verletzung.
Er sah aus wie tiefe Schnitte von Ästen oder Dornen.
Henrys Neffe erstarrte augenblicklich.
Denn er hatte dieselben Spuren schon vor drei Tagen gesehen.
An der Stelle, wo Henrys Leiche im Wald gefunden worden war.
Der Tod wurde offiziell als Unfall eingestuft.
Er war angeblich bei der Jagd in der Nähe einer Schlucht ausgerutscht und hatte sich eine tödliche Kopfverletzung zugezogen. Doch einige Details ergaben damals keinen Sinn. Henry kannte den Wald besser als jeder andere. Er war sein ganzes Leben lang dort gewandert und hatte sich nie bei Regen in das gefährliche Gelände gewagt.
Und vor allem …
Buddy wurde neben der Leiche gefunden, mit Schlamm bedeckt und zerkratzt, als hätte er verzweifelt versucht, jemanden aufzuhalten.
Doch damals hatte niemand darauf geachtet.
Aber jetzt knurrte der Hund unaufhörlich.
Selbst nachdem die beiden Männer ihn am Halsband gepackt hatten, starrte er den Priester mit solchem Hass an, dass ein Schauer über den Friedhof lief.
Der Priester zog den zerrissenen Ärmel schnell enger an sich.
„Es ist nichts“, sagte er nervös. „Der Hund ist verwirrt.“
Doch plötzlich riss Buddy wie wild an seinem Mantel.
Und dann geschah etwas noch Seltsameres.
Ein kleiner Metallgegenstand fiel unter dem schwarzen Tuch hervor auf den nassen Boden.
Henrys Schwester keuchte auf.
Es war ein alter silberner Kompass.
Henrys Kompass.
Er hatte sich nie von ihm getrennt.
Zwanzig Jahre lang hatte er ihn in der Tasche seiner Jagdjacke getragen, und nach seinem Tod war er verschwunden.
Der Friedhof war vollkommen still.
Der Priester wurde noch blasser.

„Ich … ich kann es erklären“, stammelte er.
Aber niemand hörte mehr zu.
Henrys Neffe hob den Kompass langsam vom Boden auf und drehte ihn in der Hand. Derselbe Satz war noch immer auf der Rückseite eingraviert:
„Für meinen Bruder Henry.“
Ein Geschenk seines verstorbenen Bruders.
Buddy bellte wieder wütend.
Diesmal jedoch begriffen die Leute endlich, dass er die Beerdigung nicht stören wollte.
Er versuchte, etwas zu sagen.
Etwas, das niemand so schnell spürte wie er.
Der Priester wandte sich langsam ab.
„Ich habe es im Wald gefunden“, murmelte er zitternd. „Ich wollte es nur der Familie zurückgeben.“
Doch Henrys Freunde wechselten bereits Blicke.
Denn der Mann war nicht ihr langjähriger Pfarrer.
Der eigentliche Pfarrer war angeblich krank und hatte einen Vertreter aus dem Nachbarort geschickt.
Niemand kannte den Mann wirklich.
Und Buddy erkannte ihn offensichtlich nur allzu gut.
Henrys Neffe zückte sein Handy.
„Ruf die Polizei!“
Der Priester drehte sich sofort um.
Und rannte los.
Auf dem nassen Friedhof brach Chaos aus.
Zwei Männer jagten ihm hinterher, aber Buddy war schneller.
Der Retriever riss sich von seinem Halsband los und rannte zwischen den Grabsteinen direkt hinter dem flüchtenden Mann her. Wenige Dutzend Meter entfernt riss er ihn zu Boden, bevor dieser über eine niedrige Steinmauer springen konnte.
Als die Polizei später eintraf, kam die Wahrheit langsam ans Licht.
Der Mann war kein Priester.
Er war ein ehemaliger Wilderer, den Henry vor Jahren mehrmals wegen illegaler Jagd in einem Naturschutzgebiet angezeigt hatte. Er hatte erst kürzlich erfahren, dass Henry allein lebte und regelmäßig denselben Weg in den Wald nahm.
Den Ermittlungen zufolge hatte er ihn am Tag seines Todes verfolgt.
Die beiden Männer waren in der Nähe einer Schlucht in Streit geraten.
Und dann stürzte Henry.
Niemand wusste je genau, ob er ihn absichtlich weggestoßen hatte oder nicht.
Aber Buddy war dabei.
Er hatte alles gesehen.
Und als der Mörder, als Priester verkleidet, am Sarg auftauchte, erkannte ihn der Hund sofort an seinem Geruch.
Deshalb aß er drei Tage lang nichts.
Deshalb verließ er das Haus nicht.
Deshalb stellte er sich zwischen den Sarg und den falschen Priester, als wolle er sein Herrchen ein letztes Mal beschützen.
Nach der Beerdigung sagten viele, sie hätten so etwas noch nie erlebt.
Doch Henrys Schwester sagte später einen Satz, den niemand je vergessen hat:
„Manchmal lügen Menschen, verbergen die Wahrheit und schweigen aus Angst. Aber ein treuer Hund erkennt das Böse, selbst wenn es als Heiliger verkleidet kommt.“